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Das Gewicht der Seele ist die Liebe
Friedrich Prassl
Austria
Betrachtung Zur Erlangung Der Liebe
Bemerkung: Zunächst ist auf zwei Dinge zu achten.
Das erste ist, dass die Liebe mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden muss.
Das zweite: Die Liebe besteht in der Mitteilung von beiden Seiten her; das heißt, dass der Liebende dem Geliebten gibt und mitteilt, was er hat, oder von dem, was er hat oder kann, und als Erwiderung ebenso der Geliebte dem Liebenden; hat also der eine Wissen oder Ehren oder Reichtümer, so teilt er sie dem mit, der sie nicht besitzt, und so auch der andere dem einen.
Gebet: das übliche Vorbereitungsgebet.
Die erste Vorübung besteht im Aufbau (des Schauplatzes); das ist hier: schauen, wie ich stehe vor Gott unserem Herrn, vor den Engeln, vor den Heiligen, die für mich Fürbitte einlegen.
Die zweite: bitten um das, was ich begehre; das ist hier: bitten um eine tiefe Erkenntnis so großer empfangener Wohltaten, damit ich sie ganz und gar anerkenne und so in allem Seine Göttliche Majestät lieben und Ihr dienen kann.
Der erste Punkt: Ins Gedächtnis rufen die empfangenen Wohltaten der Schöpfung, der Erlösung und der besonderen Gaben, indem ich mit großer Hingebung (afecto) abwäge, wieviel Gott unser Herr für mich getan hat und wieviel Er mir von dem gegeben, was Er besitzt, und folgerichtig, wie sehr derselbe Herr danach verlangt, Sich selbst mir zu schenken, soweit er es nur vermag gemäß seiner göttlichen Anordnung. Und dann mich zurückbesinnen auf mich selbst, indem ich mit vielen Gründen der Vernunft und der Gerechtigkeit erwäge, was ich von meiner Seite Seiner Göttlichen Majestät anbieten und geben muss, nämlich alles, was ich habe, und mich selber damit, wie einer, der sich mit großer Hingebung darbringt:
Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, meine ganze Habe und meinen Besitz; Du hast es mir gegeben, Dir, Herr, gebe ich es zurück; alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen; gib mir Deine Liebe und Gnade, das ist mir genug.
Der zweite: betrachten, wie Gott in den Geschöpfen wohnt, in den Elementen, indem er ihnen Dasein gibt, in den Pflanzen, indem er ihnen das Leben schenkt, in den Tieren, indem er ihnen sinnenhafte Wahrnehmung gibt, in den Menschen, indem er ihnen geistige Einsicht verleiht; und so auch in mir: wie Er mir Dasein gibt, mich belebt, mir Sinne erweckt und geistige Einsicht verleiht, wie Er gleichfalls einen Tempel aus mir macht, da ich zum Gleichnis und Bild Seiner Göttlichen Majestät geschaffen bin. Und abermals mich zurück besinnen auf mich selbst in der Weise, wie im ersten Punkt gesagt wurde, oder auf eine andere, wenn ich diese als die bessere spüre. Ebenso verfahre ich bei jedem nachfolgenden Punkt.
Der dritte: erwägen wie Gott um meinetwillen in allen geschaffenen Dingen auf dem Angesicht der Erde arbeitet und sich müht, das heißt, Er verhält sich wie einer, der mühsame Arbeit verrichtet (ad modum laborantis). So zum Beispiel an den Himmelskörpern, Elementen, Pflanzen, Früchten, Tieren usw., indem Er Dasein gibt und erhält, Wachstum und Sinnesleben usw. Dann zurückbesinnen auf mich selbst.
Der vierte: schauen, wie alles Gute und alle Gabe von oben (de arriba) herabsteigt, so wie auch die mir zugemessene Kraft (potencia) von der höchsten und unendlichen von oben herab; und so auch Gerechtigkeit, Güte, Pietät, Barmherzigkeit usw., gleichwie von der Sonne absteigen die Strahlen, von der Quelle die Wasser usw. Dann zum Schluss mich zurückbesinnen auf mich selbst in der gesagten Weise.
Schließen mit einem Zwiegespräch und einem Vaterunser.
Hingabe – Betrachtung zur Erlangung der Liebe
Impuls
Gott in allem suchen, finden, lieben – mit Gott verbunden leben
„Das Gewicht der Seele ist die Liebe“ – so beschreibt Ignatius in einem Brief an einen Bischof die Bedeutung von „Liebe“ – als das „Gewicht der Seele“. Als Vorbemerkung zur Betrachtung zur Erlangung der Liebe schreibt er, dass auf zwei Dinge zu achten ist:
Das Auseinanderklaffen von geistlichem Leben und Alltag bzw. von Gebet und Handeln ist
heute für viele Menschen, die um ein Leben aus dem Glauben bemüht sind, ein Problem. Die
Lösung liegt nicht in der Länge der Gebetszeiten oder in der Vielzahl der Meditationsübungen
– damit ändert sich oft kaum etwas.
Bereitschaft für den Willen Gottes
Ignatius legt nicht so sehr die Betonung auf die Zeit des Gebets, der Meditation, der Eucharistiefeier. Er drückt wiederholt seine Sorge über die Gefahr aus: Es ist dem Menschen leichter, in ein längeres Gebet zu „fliehen“ (das er selbst „macht“), als das zu tun, was er als den Willen Gottes erkannt hat.
Hieronymus Nadal, einer der ersten Gefährten des Ignatius beschreibt dieses Element der ignatianischen Spiritualität in der bekannten Formulierung: „im Tun gesammelt sein“, lateinisch: „in actione contemplativus“. Er schreibt über Ignatius: Er empfing von Gott das Privileg „in allen Dingen, Handlungen, Gesprächen Gottes Gegenwart und die Wirkung der geistlichen Dinge zu spüren und zu betrachten, im Tun zugleich kontemplativ (simul in actione contemplativus) – er pflegte dies so zu erklären: Gott sei in allen Dingen zu finden.“
Schon für Ignatius ist diese Gebetsweise eine Möglichkeit und ein Auftrag für alle, die durch geistliche Übungen tiefere Gottverbundenheit suchen. Die Basis des Gott-Suchens-und-Findens-in-allen-Dingen ist Gottes Wirken in der Welt. Bevor wir uns aufmachen, Gott zu suchen und zu finden, hat er uns bereits in allen Dingen gesucht und gefunden. „Die Welt ist Gottes so voll“ drückt Alfred Delp dies kurz vor seinem Tod aus. Das gilt es wahrzunehmen und glaubend zu erkennen.
In der Betrachtung zur Erlangung der Liebe des Exerzitienbuches (EB 234) fordert Ignatius auf zu „erwägen, wie Gott in den Geschöpfen wohnt,“ wie Er mir Dasein gibt, mich durchseelt, mir Sinne erweckt und geistige Einsicht verleiht wie Gott sich in allen geschaffenen Dingen auf dem Angesicht der Erde für mich müht und mühselige Arbeit verrichtet, das heißt sich in der Weise eines Arbeitenden verhält, in den Himmeln, Elementen, Pflanzen, Früchten, Herden usw., indem er das Dasein gibt und erhält, Wachstum und sinnliches Leben verleiht“.
Das ist die Antwort von Ignatius auf das Beziehungsangebot Gottes zu den Menschen: die Hinwendung zu ihm im Gebet ist nicht eine Frage der eigenen Anstrengung und der langen Gebetszeiten; vielmehr sollten wir immer Betende sein, das heißt mit Gott verbundene Menschen, die von seiner Liebe angerührt sind und sich von ihm als seine Werkzeuge gebrauchen lassen.
Die Bereitschaft, sich ganz auf den Willen Gottes einzulassen, bezeichnet Ignatius mit dem
uns missverständlich klingenden Wort „Abtötung“. Das Vertrauen in Gott kann nur wachsen,
wo der Mensch Gott über sich verfügen lässt, das heißt wo er Gottes Willen zu tun
versucht. „Vater unser ...dein Wille geschehe.“ Entscheidend ist dabei jene
Freiheit des Herzens, die zur ständigen Verbundenheit mit Gott in allem
führt.
Gott finden und Liebe erlangen
Die Aufmerksamkeit und Bereitschaft für den Willen Gottes und für das Beten ist oft am Ende von Exerzitien oder nach einer Zeit des intensiven Gebetslebens, oder solcher Impulsnachmittage sehr groß. Dann taucht aber die Frage auf Wie kann das in mir lebendig bleiben und weiter wachsen? Wie kann ich eine liebende Verbundenheit mit dem Herrn auch während meiner alltäglichen Anforderungen leben?
Am Ende der Exerzitien empfiehlt Ignatius die „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“ (EB 230-237). Diese wächst aus den Geistlichen Übungen heraus und fasst das Geschehen zusammen. Sie möchte den Betenden einladen, sich selbst von Gottes Liebe und Leidenschaft für den Menschen ergreifen und in Dienst nehmen zu lassen. Diese Betrachtung baut eine Brücke zum täglichen Leben hin. Sie will Menschen helfen, die mitten in den beruflichen Anforderungen ihrem Leben eine geistliche Gestalt geben wollen. Sie drängt zur tätigen Liebe und Begegnung mit dem Nächsten: „Lasst uns nicht· mit Worten und mit der Zunge lieben, sondern in der Tat und Wahrheit.“ (1 Joh 3,18). In all dem geht es mehr um innerste Haltungen als um Methoden…
Diese Betrachtung hilft, entdecken zu lernen, dass Gott in der Welt und im eigenen Leben wirkt. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass alles Leben von Gott herströmt. Gott als Schöpfer ist weiterhin am Wirken, er schenkt sich in die Welt hinein. Er kommt uns nahe und macht uns trotz all unserer Gebrechlichkeit zu seiner Wohnung. „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ schreibt Paulus den ersten Christen in Korinth (1 Kor 3, 16).
Gott „müht“ sich um das Leben und Wachstum in uns Menschen. Seine Kraft und seine Güte bewegen den Menschen zur Mitarbeit und zur persönlichen Antwort der Hingabe. Der Blick bleibt darauf gerichtet, wie alle Gaben der Schöpfung und Erlösung „von oben“ herabsteigen in unsere Welt und in unser persönliches Leben hinein – „wie die Strahlen von der Sonne und die Wasser von der Quelle“. So kann uns in allem das göttliche Geheimnis aufleuchten und uns zum Ort werden, um Gott zu finden und Ihm zu dienen.
Für Ignatius ist über eine lange Zeit eine innige Vertrautheit mit Gott entstanden. Er sprach von der familiären Beziehung zu Gott, lateinisch: „familiaritas cum Deo“. Ignatius fühlte sich bei Gott daheim Er wusste: hier darf ich sein, wie ich bin; hier sind Masken und Fassaden weder nötig noch möglich; hier lebe ich im liebevollen Ja Gottes. Liebe erlangen und lieben heißen zuerst und zuletzt, sich lieben zu lassen, mit einer gratis von oben geschenkten Liebe.
„Nimm Dir, Herr, und übernimm meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, mein ganzes Haben und Besitzen. Du hast es mir gegeben, zu Dir, Herr, wende ich es zurück; das Gesamte ist Dein; verfüge nach Deinem ganzen Willen, gib mir Deine Liebe und Gnade, das ist mir genug.“
Kaum jemand von uns wird dieses Gebet in seiner Radikalität verwirklichen können – es geht um eine Annäherung an Gott in dieser Dynamik. Wenn wir nur kleine Schritte machen – dann ist es genug!
Text: „Mit und ohne Liebe“
„In allem lieben und dienen“
Das Thema dieser Zeit der Einkehr lautet: „In allem - Gott“ und ist dem
Ignatiuswort nahe:
„Gott in allem suchen und finden“. Diese Formulierung ist eine Zusammenfassung
ignatianischer Spiritualität. Und somit passt sie in dieses ignatianische Jahr, in dem
wir den 500. Gebtllistag von Franz Xaver, von Peter Fabel' und den 450. Sterbetag von
Ignatius feiern. Und natürlich wird hiermit zugleich der Kern des Evangeliums Jesu
Christi berührt, der darin besteht „Gott zu lieben aus ganzem Herzen, ganzer Seele,
ganzer Kraft, ganzem Denken und seinen Nächsten wie sich selbst“.
Der erste Impuls heute nimmt eine fundamentale Bitte von Ignatius aus seiner
„Betrachtung zur Erlangung der Liebe“ auf: „In allem lieben und
dienen“
Der zweite Impuls morgen wird von der „Kunst des Liebens“ sprechen,
d.h. von der „Mystik des Alltags“ vom „Ausleben der Liebe“ in der
Lebensgestaltung.
Erste Einsichtsgewinnung:
Ignatianische Spiritualität ist eine Spiritualität des Liebes-Dienstes.
Nicht eine „unerotisch-asketische Dienst-Spiritualität“, sondern eine
Spiritualität des Liebesdienstes. Dafür eine Fülle von Beispielen:
Zweite Einsichtsgewinnung:
Sechs Dimensionen des Liebens (vgl. die „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“
im Exerzitienbuch)
Hinweise für die Zeit der Besinnung und des Gebetes. Es genügt, einem oder zwei Hinweisen nachzugehen:
Mit oder ohne Liebe
PFLICHT OHNE LIEBE MACHT VERDRIESSLICH
VERANTWORTUNG OHNE LIEBE MACHT RÜCKSICHTSLOS
GERECHTIGKEIT OHNE LIEBE MACHT HART
ERZIEHUNG OHNE LIEBE MACHT WIDERSPRUCHSLOS
KLUGHEIT OHNE LIEBE MACHT GERISSEN
FREUNDLICHKEIT OHNE LIEBE MACHT HEUCHLERISCH
ORDNUNG OHNE LIEBE MACHT KLEINLICH
SACHKENNTNIS OHNE LIEBE MACHT RECHTHABERISCH.
MACHT OHNE LIEBE MACHT GEWALTTÄTIG
EHRE OHNE LIEBE MACHT HOCHMÜTIG
BESITZ OHNE LIEBE MACHT GEIZIG
GLAUBE OHNE LIEBE MACHT FANATISCH
PFLICHT IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT BESTÄNDIG
VERANTWORTUNG IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT FÜRSORGLICH
GERECHTIGKEIT IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT ZUVERLÄSSIG
ERZIEHUNG IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT GEDULDIG
KLUGHEIT IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT VERSTÄNDNISVOLL
FREUNDLICHKEIT IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT GÜTIG
ORDNUNG IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT GROSSZÜGIG
SACHKENNTNIS IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT VERTRAUENSWÜRDIG
MACHT IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT HILFSBEREIT
EHRE IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT BESCHEIDEN
BESITZ IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT FREIGEBIG
GLAUBE IN LIEBE AUSGEÜBT MACHT FRIEDFERTIG