„...gar nicht so einfach.“
 
Rev. Inama, Markus SJ
Austria


Wie ist das Lebensgefühl von Jugendlichen heute?

Referat beim Treffen der Österreichischen Jesuiten im Kardinal-König-Haus in Wien, Ostern 2001, von P. Markus Inama SJ, Jugendseelsorger in Innsbruck.
 

Vorbemerkungen:

1. Die Jugend gibt es nicht (mehr)!

Während meinem Diakonatsjahr hat mich der Senior unter den Tiroler Pfarrern einmal vor den Kopf gestoßen, indem er gemeint hat, „wozu reden wir überhaupt über die Jugend, das hat es früher nicht gegeben.“

Die Vorstellung, dass Kinder anders behandelt werden müssen als Erwachsene: dass sie zu schwerer körperlichen Arbeit nicht fähig sind oder dass jugendliche Täter nicht so hart bestraft werden dürfen wie ausgewachsene Verbrecher, hat es in den bürgerlichen Gesellschaften des Westens vor 150 Jahren noch nicht gegeben. Oder, dass Kinder und Jugendliche eigene Kleidung, eigenes Spielzeug, eigene Bücher, eigene Ärzte und eine Erziehung brauchen, die ihrer jeweiligen psychischen, und physischen Entwicklungsstufe angemessen ist.[1]

Die klare kulturelle Abgrenzung von Kindheit, Jugend und Erwachsenenwelt ist also noch nicht so alt.

Die Adoleszenz, die Zeit des Heranwachsens, ist vor zirka 100 Jahren zum ersten Mal wissenschaftlich untersucht worden. Im Allgemeinen sind mit Jugendlichen jene Leute gemeint, die zwischen 11 und 25 Jahren alt sind. Ein wichtiges Element des Erwachsenwerdens ist der Einstieg ins Berufsleben. Manche behaupten daher, dass sich durch die lange Ausbildung bei manchen die Phase der Jugend bis dreißig oder mehr ausdehnt.

Andere hingegen, wie zum Beispiel Neil Postman, ein amerikanischer Soziologe, sehen die Unterschiede von Kindern und Erwachsenen durch die gleichschaltende Wirkung des Fernsehens schon wieder bedroht. Dazu aber weiter unten.
 

2. „Die“ Jugend gibt es nicht!

„Die“ Jugend gibt es nicht! Jede/r der heute verallgemeinernd von „den“ Jugendlichen spricht, muss mit solchen Entgegnungen rechnen. Ein Charakteristikum der heutigen Jugend ist eben, dass sie sich in ihrem Empfinden, in ihrem Denken und in ihrer Ausdrucksweise sehr stark unterscheiden.

Ich werde einerseits versuchen diese Komplexität darzustellen und die Unterschiede nicht einzuebnen. Ich orientiere mich dabei an einem Vortrag von Christian Friesl, dem ehemaligen Chef des Österreichischen Instituts für Jugendforschung und jetzigen Leiter der Katholischen Aktion Österreich. [2] Die Trends, die er in seinem Referat aus dem Jahr 1996 aufzeigt, setzen sich in der neuesten Shell Jugendstudie 2000[3], der populärsten Jugendumfrage Deutschlands, fort. Andererseits möchte ich aber nicht nur Statistiken anführen, sondern Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Statements von Jugendlichen und einige meiner Erlebnisse einbringen.
 

3. Die Jugend als Seismograph für Wandlungsprozesse.

Wir haben für das Treffen der Österreichischen Jesuiten neben der Sozialarbeit das Thema Jugend gewählt. Das könnte als ein Zeichen dafür gesehen werden, dass wir die Jugendlichen als wichtige Akteure der Kirche sehen. Die lateinamerikanische Bischofskonferenz hat in Puebla 1979 neben der Option für die Armen auch die Option für die Jugend getroffen. Sie sieht in der Jugend „ein wirkliches Potential der Evangelisierung in der Gegenwart und in der Zukunft“.[4]

Ich frage mich aber, ob wir mit so großen Worten den Jugendlichen in unseren Breitengraden nicht zuviel zumuten und unsere Aufgaben auf sie abschieben.

Trotzdem die Jugend stellt einen sehr sensiblen Teil der Gesellschaft dar. Manche meinen sogar, dass sie jene Gruppe sind, die gesellschaftliche Veränderungen am schnellsten mitbekommen, weil sie im Spannungsfeld von alten Werten und neuen Entwicklungen der Gesellschaft leben.

Die 34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu[5] hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Verkündigung des Evangeliums nicht unabhängig von der Kultur in der wir leben geschehen kann. Wenn wir dies beherzigen, dann ist die Auseinandersetzung mit dem Lebensgefühl von jungen Menschen, die als Seismograph für Wandlungsprozesse gelten, eine generelle Voraussetzung für die Weitergabe des Glaubens, egal wo wir arbeiten.
 

A. „...gar nicht so einfach...“

Ein Merkmal der modernen Kultur ist, dass sie die Vielfalt begünstigt.:

- Der leichtere Zugang zur Bildung hat zu einer Neuverteilung der Chancen geführt.
- Die geografische Mobilität (Pendler) hat zur Aufweichung sozialer Milieus geführt.
- Je mehr materielle und zeitliche Freiheiten vorhanden sind, desto stärker wird die individuelle Lebensführung möglich.

Die Jugendlichen werden häufig als die „unübersichtliche Generation“[6] bezeichnet. Damit ist die völlige Pluralisierung einer Altersgruppe in viele Kulturen, Szenen, Trends und Lebensstile gemeint. Individuelle Lebensführung klingt gut, ist aber nicht nur angenehm.

Maria (19) schreibt: „Glaubst’ es, ich komme einfach nicht auf einen grünen Zweig. Das Leben ist so verdammt schwierig. Oder mach’ ich es mir nur so kompliziert: Das eigene Leben gestalten, organisieren und dann auch noch ‚leben’. Puh, gar nicht so einfach. Sag’ mal, erleb’ nur ich das so oder haben das auch andere Jugendliche so durchgemacht? Ist vielleicht eine dumme Frage, aber sie beschäftigt mich.“
 

1. Jugendkulturen

1.1 Szenebegriff:

Szenen sind die Gesellschaftsordnung der 90er Jahre: Eine Szene, z.B. die Michael-Jackson-Szene kann sich quer über den gesamten Globus erstrecken. Der Teenager in Hongkong kennt Song-Texte, Melodie-Floskeln und Styling seines Idols genauso detailliert wie Jugendliche in Boston oder Erfurt. Doch die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit diesen weit entfernt lebenden Szene-Mitgliedern ist sehr gering. Unberührt davon teilt man aber Anschauungen und Sehnsüchte, lebt in der gleichen Wertewelt. Eben in der Michael-Jackson-Szene und da gibt es nur eine auf der ganzen Welt.“

- Szenen strukturieren den Alltag von Jugendlichen in einer verflüssigten Gesellschaft
- Szenen als soziale Netzwerke für Menschen mit gleichgerichteten Interessen, Bedürfnissen und Weltanschauungen.
- Szenen geben den Raum für jugendkulturelles Anderssein.
- Szenen sind global und überregional. Die Mehrheit der unter 24-jährigen ist in Szenen integriert.
- 41% der oberösterreichischen Jugendlichen fühlen sich zumindest einer Jugendszene (Skater, HipHop, Techno etc.) zugehörig
- Man gehört nicht zu einer Szene, man fühlt sich mehreren Szenen zugehörig.
- Es lassen sich je nach Stärke der Identifikation mit einer Szene verschiedene Grade der Zugehörigkeit unterscheiden: Kernszene, Randszene, Freizeitszene.
- Ab dem 19. Lebensjahr beginnen sich die Szenebindungen zu lösen oder nehmen an Intensität ab.p

1.2 Charakteristika der Jugendkultur

Die moderne Jugendkultur lässt sich am besten mit einem Baukasten vergleichen. Jede/r kann daraus Bauteile verwenden und damit seinen eigenen spezifischen Lebensstil zum Ausdruck bringen. Diese Eigenbauwerke sind ausbaufähig bzw. schnell abänderbar und wandelbar. Wir nehmen bei Jugendlichen ist erster Linie ihre äußere Erscheinung wahr, wie z.B. Modeartikel, Musikrichtungen, oder Symbole.

Es geht dabei aber nicht nur um Äußeres. Jede Jugendkultur lässt im Hintergrund grundlegende Gemeinsamkeiten erkennen:[7]

- Jugendkultur ist Spannung: Jugendliche agieren erlebnisorientiert und schätzen Abwechslung. Dynamik und starke Kontraste prägen die Freizeit. Begriffe wie „Action“, „Drive“, „Power“ und „Flash“ werden fast in jeder Jugendkultur verwendet.

- Jugendkultur ist Ästhetik: Die Medien haben dem „äußeren Erscheinen“ einen wichtigen Stellenwert gegeben. Dies entspricht dem jugendkulturellen Trend der Selbstdarstellung.

In einer Gruppe von 15-jährigen Mädchen ist es vor einigen Monaten zu Schwierigkeiten gekommen. Eine Jugendliche hat sich zunehmend an den Rand gedrängt gefühlt. Der Grund dafür war sehr heikel: „Sie richtet sich überhaupt nicht her.“

- Jugendkultur ist kommerziell: Das relativ hohe frei verfügbare Einkommen macht die Jugendlichen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor und es gibt jugendspezifische Märkte.

Jugendliche sind aber nicht nur passive Opfer der Konsumindustrie, sondern pflegen zum Teil einen kreativen Umgang mit den Waren.

- Jugendkultur ist Freizeit: Cocooning ist das Bedürfnis nach Sich - Einspinnen in den eigenen vier Wänden. Freizeit als Eigen- und Mußezeit hat eine wachsende Bedeutung. Das Kokon-Bedürfnis nach Ausschlafen, Faulenzen und Nichtstun ist eine Antwort auf die Hektik des modernen Lebens.

Eine der wichtigsten Freizeitbeschäftigungen der Jugendlichen ist das Musikhören. Dies erfüllt mehrere Funktionen: Realitätsflucht, Problemverdrängung, Zugang zur Traumwelt eröffnen, Spaß haben, Unzufriedenheit ausdrücken. Musik hat für den Identifikationsprozess der Jugendlichen eine wichtige Bedeutung und unterstreicht den Drang nach Autonomie.

- Jugendkultur ist Auseinandersetzung mit der herrschenden Gesellschaft und vielleicht auch ihr wesentlichster Zweck. Die Jugendlichen können aber keine einheitliche Gegenkultur bilden, da die globalisierte, neoliberale oder postmoderne Gesellschaft viel zu farblos und in sich selbst zu stark fragmentiert ist. Es entstehen also eine Vielzahl von Gruppierungen. „Avantgarde-Designer wie Vivienne Westwood oder Jean-Paul Gaultier heben die oft provokativen Symbole der Jugendszenen aus dem Bereich der Antimode in die anerkannte Sphäre des Designs. Bekleidungsketten greifen dann die Trends auf und lassen sie in preisgünstige Produkte einfließen. In der Folge nehmen andere konservativere gesellschaftliche Schichten den Trend auf.“[8]

Hier schließt sich der Kreis. Jugendkultur ist eine ständige Auseinandersetzung und Wandlung, weil sich Jugendliche immer wieder von den Erwachsenen und vom Kommerz abgrenzen wollen. Die Spirale dreht sich immer schneller. Um sich abzugrenzen, greifen Jugendliche auf archaische Formen (Piercing) zurück. Wer heute einen Trend kennen lernt, hat ihn eigentlich schon versäumt.
 

1.3 Der Einfluss der Medien und der Wirtschaft auf die Jugend:

In der medialen Diskussion werden Vorfälle, wie Gewaltdelikte von Jugendlichen, rücksichtslose Snowboarder, Musikbands mit gewaltverherrlichenden Texten herausgegriffen und es kommt oft zu pauschalen Verurteilungen der Jugend.

Manche Entwicklungen, die bei einzelnen Jugendlichen oder Jugendgruppen zu beobachten sind, wirken auf Eltern und Pädagogen beunruhigend und der Einfluss der Medien und des Konsums auf die heutige Jugend wird unter die Lupe genommen.
 

a) Teenager im medialen Universum

Die Räume in den Städten werden enger. Den Freiraum den Jugendliche suchen, finden sie zum Teil in der Internetwelt. Viele Jugendlichen haben sich dieses Terrain selbstständig angeeignet und ziehen zum Teil auch kommerziellen Nutzen daraus. Es kommt zu Firmengründungen von Jugendlichen.

Douglas Rushkoff, ein Sozialtheoretiker, ist der Ansicht, dass Jugendliche gelernt haben mit dem medialen Chaos umzugehen, es vielleicht sogar zu zelebrieren. Er meint, dass sich Teenager der Reizüberflutung und den pausenlosen Attacken auf ihre Emotionen erstaunlich schnell angepasst haben. Sie reagieren mit distanzierter Teilnahme. Sie weigern sich zum ausschließlich passiven Zuschauer abgestempelt zu werden und zappen sich durch die TV - Programme. Die verschiedenen Angebote sind für sie Mittel zum Zweck der eigenen Programmgestaltung. Worauf es im 21. Jahrhundert ankommt ist nicht die Dauer der Aufmerksamkeit, sondern das Vermögen, viele Dinge gleichzeitig und gut zu erledigen.[9]

Anderer Ansicht ist der eingangs bereits zitierte Soziologe Neil Postman. Kinder werden erwachsen, indem sie folgende Fähigkeiten ausbilden: „ ein kräftiger Individualismus, die Fähigkeit, logisch und folgerichtig zu denken, die Fähigkeit, gegenüber Symbolen eine distanzierte Haltung einzunehmen, die Fähigkeit, mit einem hohen Grad von Abstraktion umzugehen, und die Fähigkeit, die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben.“ Wer all dies nicht lernen kann, weil er von den Teletubbies aufgezogen wird, entwickelt sich zum „Kind-Erwachsenen“: zu einem Menschen, dessen intellektuelle und emotionale Fähigkeiten sich nicht im Laufe einer Geschichte entwickelt haben. [10]

Die Wissenschaftler, die die Shellstudie ausgearbeitet haben, machen eine Unterscheidung zwischen technikbegeisterten Jugendlichen, die moderne Kommunikationsmittel, wie zum Beispiel Internet und Handy verwenden, und Jugendlichen, die rückwärts gewandt und passiv sind.

Jugendliche, die technikbegeistert sind und sich viel mit neuen Medien beschäftigen, führen meistens ein besonders reichhaltiges und engagiertes Sozialleben. Die Medien sind für sie eine Grundlage für ihre aktive Freizeitgestaltung.

Jugendliche, die sich passiv verhalten und nur vor dem Fernseher sitzen, pflegen Kontakte weniger und gestalten ihre Freizeit nicht aktiv. [11]

b) Der Einfluss der Werbung auf die Jugend wird heftig diskutiert:

Die kanadische Journalistin Naomi Klein hat ein Buch über die Tyrannei der Markennamen geschrieben: „No Logo“. Die Supermarken stellen längst nicht mehr nur Produkte her, sie vermarkten Coolness. Die Supermarken beuten die Jugendkultur permanent aus, eine Identitätsfindung der Jugendlichen kann nicht mehr stattfinden, denn die Identität müssen sie gar nicht mehr suchen. Sie wird ihnen von Nike, Hilfiger oder Levi’s verhökert.[12]

„Heute werden jedem Jugendlichen jeden Tag hunderte von Vorbildern vor die Nase gehalten und von jedem Bild wird behauptet, dass das die Norm ist, so sollte man ausschauen.“ Rafaela K.,13

Noch dramatischer formuliert es im englischen Jugendmagazin face der Schauspieler Edward Norton. Er sagt: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen durch die Abtötung aller wirklichen Gefühle geschwächt werden. Die brutalste Waffe dabei ist der Rohrstock des Konsums, mit dem uns eingebläut wird, dass die Wohnungseinrichtung von Ikea, uns zu einem glücklichen Menschen macht. Unser Wertesystem wird durch die Konsumkultur diktiert. Kaum jemand ist sich dessen bewusst. Ich glaube, dass wir radikal uns selbst anschauen und versuchen müssen, die Isolation die uns umgibt, abzustreifen.“[13]


2. Das Wunschpotential

2.1 Wertebegriff:

Was ist mit „Wert“ gemeint? Laut dem Lexikon zur Soziologie ist ein Wert die „...bewusste oder unbewusste Vorstellungen des Gewünschten, die sich als Präferenz bei der Wahl zwischen Handlungsalternativen niederschlagen“. Aus religiöser Sicht könnte man auch sagen „Heiligtümer“, aus subjektiver Sicht: Dinge, Anliegen, Menschen, die mir liebgeworden sind und die ich verteidige. Werthaltungen sind nicht nur Privatsache, sondern gesellschaftlich relevant. Je widerspruchsfreier ein gesellschaftliches Wertesystem ist, desto geringer sind die Konflikte. Werte zu haben ist nichts Konservatives. Wer heute nicht erkennbar macht, wofür er steht, hat keine Chance.[14]

Für die Werte der Jugendlichen gilt ähnliches wie ich vorhin zur Vielfalt der Jugendkultur gesagt habe. Jede/r kann sich sein Werte-Set zusammenstellen. Ideologien oder starre Wertorientierungen sind für die große Mehrheit der Jugendlichen laut Shell Studie 2000 irrelevant. Gelebt wird mehr denn je ein „Sowohl - als - auch“ und nicht - wie es frühere Werterziehungskonzepte implizieren - ein „Entweder - oder“. So bedeutet auch zum Beispiel ein hohes Interesse an Technik oder die Befürwortung von „Modernität“ keineswegs zugleich eine soziale Verarmung.[15]

Für den Erfolg jener, die Werte vermitteln wollen, ist die Authentizität ausschlaggebend. Jugendlichen sind Werte nicht mehr autoritär vermittelbar, sie müssen plausibel erklärt werden können. Die Werte von jüngeren und älteren Menschen sind ähnlicher als man üblicherweise denkt. Die großen Konfliktthemen der 60er Jahre sind verschwunden. Laut Shell Studie 2000 wollen nur noch 28% der Jugendlichen ihre Kinder einmal „anders“ oder „ganz anders“ erziehen, als sie selbst erzogen worden sind. Mitte der 80er Jahre wollten noch 48% der Jugendlichen ihre Kinder einmal anders erziehen.
 

2.2 Kennzeichen jugendlicher Werthaltungen:

„Heilig“ ist allen Altersgruppen die Balance von Freiheit und Geborgenheit, Selbstverwirklichung einerseits und solide Beziehungen (Freundeskreis, Partnerschaft, Familie) andererseits. Die Jugendlichen sind laut Shellstudie bestrebt Beruf und Familie zu verbinden. „Etwa drei Viertel der Jugendlichen befürworten für sich ein Zusammenwohnen mit der Option einer Heirat, fast jede/r Zweite befürwortet für sich eine eheliche Lebensgemeinschaft.“[16] Der Unterschied von Frauen und Männern ist dabei sehr gering. Erst ab 24 Jahren sind die Frauen eher bereit, ihren Beruf für die Familie aufzugeben.

Hier geht es um Wünsche nicht um deren Realisierung. Die Aufkündbarkeit sozialer Beziehungen als Konsequenz der Individualisierung der Gesellschaft bleibt leider Realität.

Auffällig ist, dass Jugendliche diese Sehnsüchte nach Freiheit und Geborgenheit fast ausschließlich in kleinen sozialen Zusammenhängen realisieren wollen, offenbar verleiht die Gesellschaft wenig Geborgenheit. So werden zum Beispiel Gruppen in der mk (im Jugendzentrum der Jesuiten in Innsbruck) als der Ort empfunden, an dem sich ein junger Mensch entfalten kann.

„Die Gruppenstunde ist ein Zusammentreffen auf das ich mich jedes Mal freue, denn aus jeder Gruppenstunde kann ich irgend etwas mitnehmen! Einmal lachen wir zusammen und einmal geht's ernster zu, doch jede einzelne Stunde bringt mich neuen Gruppenmitgliedern irgendwie näher. Es ist auch einfach eine gewisse Vertrauensbasis da, die es mir leichter macht, mich zu öffnen und meinen Freunden zu zeigen, wer ich bin! Man lernt sich einfach total gut kennen!“

So groß die Bedeutung der kleinen Welt für junge Menschen ist, so distanziert stehen sie den großen gesellschaftlichen Zusammenhängen gegenüber. Jugendliche empfinden die ritualisierte Betriebsamkeit der Politiker als wenig relevant und ohne Bezug zum wirklichen Leben.

Das soziale, kirchlich-religiöse, politische und ökologische Engagement nimmt stetig ab. Das Individuum identifiziert sich mehr und mehr über sich selbst und nicht mehr über Parteien, Kirche, Umweltschutzgruppen etc.

Beim Thema EU zeigen die Jugendlichen eine kühle Distanz. Die Rhetorik der Europäischen Einigung ist für Jugendliche nur Fassade, eigentlich geht es ums Geld.[17]

Auf der Skala der neuen Wertedimensionen steht die Autonomie ganz oben, d.h. für Jugendliche wird es immer wichtiger in Eigenregie zu handeln, selbstständig eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Nicht alle Jugendlichen bringen aber genug Flexibilität und Selbständigkeit auf, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.


3. Die Realisierungsmöglichkeiten

Christian Friesl macht sich mehr Sorgen um die Realisierungsmöglichkeiten als um die grundsätzlichen Werthaltungen. [18]
 

3.1 Chancen und (Über-) Forderungen:

Auf den ersten Blick sind die Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen groß: Finanzielle Ressourcen, verbesserte Gesundheitssituation, erleichterter Zugang zur Bildung, Fülle von Freizeitmöglichkeiten, gesteigerte Mobilität und Zugang zu neuen Medien. Jungsein hat sich nach der materiellen Knappheit der Nachkriegszeit außerordentlich positiv verändert. Jede/r kann aus sich herausholen, was in ihm/ihr steckt.

Die Jugendlichen müssen sich in einer leistungsorientierten Welt durchsetzen, in der die berufliche Qualifikation des einzelnen entscheidet.

„Junge Menschen wachsen in eine Lebensrealität hinein, die längst nicht mehr jene stabile und dauerhafte Integration ins Erwerbsleben anbieten kann, die andererseits nach wie vor als unverzichtbare und unersetzliche Grundlage für ein menschenwürdiges Leben in dieser Gesellschaft gilt. Kürzere oder längere Zeiten von Arbeitslosigkeit durchleben zu müssen, ist für junge Menschen normal geworden.“[19]

Der Druck zur individualisierten Gestaltung der Lebensgeschichte wird für manche zu groß. Das gängige Wertesystem unserer Gesellschaft mag ja viele Vorteile haben, aber es hat zweifelsohne auch Nachteile.
 

3.2 Neue Psychosoziale Probleme:

Viele Kinder sind mit Handy und manche sogar mit Terminkalender ausgestattet. Sie hetzen von der musikalischen Früherziehung zum Voltigieren, vom Voltigieren zum Chor oder zum Fußball, vom Fußball zu entfernt wohnenden Freundinnen. Auch das Spielen muss organisiert werden, weil es in der Nachbarschaft keine Kinder gibt.

Auf Dauerstress reagieren Kinder wie Erwachsene - sie werden krank. Bis zu 30 % der Schüler leiden an Beschwerden, über die auch Manager klagen könnten: Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Kopf- und Magenschmerzen. Schon bei unter Zehnjährigen treten Essstörungen wie Magersucht und Bulimie auf. Grundschullehrer berichten immer häufiger von hyperaktiven oder wahrnehmungsgestörten Kindern.[20]
 

3.3 Modernisierungsverlierer

Benachteiligte Jugendliche, d.h. solche denen es an Selbstverwirklichungs-Möglichkeiten oder soliden Beziehungen mangelt, scheitern oft an den Herausforderungen der Gesellschaft und werden zu Modernisierungsverlierern. Diese neigen stärker zu den Symptomen, die wir als Probleme der benachteiligten Jugend kaum in den Griff bekommen: Rechtsradikalismus, Gewaltbereitschaft, Alkohol, Drogen.
 

3.4 Die Schere zwischen „Arm“ und „Reich“ geht auseinander.

Der überwiegende Teil der Jugend kann mit den neuen Herausforderungen Schritt halten. In der Shell Studie 2000 ist als Grundstimmung ermittelt worden, dass knapp die Hälfte aller Jugendlichen die persönliche Zukunft „eher zuversichtlich“ beurteilen. Die gesellschaftliche Zukunft beurteilen sogar zwei Drittel „eher zuversichtlich“. Der Großteil der Jugendlichen präsentiert sich also optimistisch, pragmatisch, leistungsbewusst und der modernen Gesellschaft bestens angepasst.[21]

Die Fun - Generation verstellt aber den Blick auf jene Jugendliche, denen Geld, soziale Bindung und oft genug sogar ein Dach über dem Kopf fehlt. Diese Einzelfälle summieren sich - in Wien ist jeder Zehnte Lehrling betroffen. [22]

- „In den 60er Jahren hat man mit einer Jugend-Fahrt nach Süditalien oder Israel noch etwas reißen können. Heute waren die Jugendlichen mit ihren Eltern schon in Ägypten und in Thailand,“ berichtet der Vater eines Jugendlichen. Andererseits beraten wir im Gesundheits- und Sozialsprengel von Innsbruck seit längerer Zeit, wie wir Eltern von verhaltensauffälligen Kindern in den Ferien entlasten könnten, da diese kaum Möglichkeiten haben, irgendwo hin zu fahren.

- „Ein Teil unserer Kinder ist vollkommen überbehütet, ein anderer Teil ist verwahrlost, das große unauffällige Mittelfeld wird zugunsten der Extreme kleiner,“ weiß der Rektor einer Grund- und Hauptschule zu berichten.[23]

- „Insgesamt haben wir festgestellt, dass im Vergleich zur letzten Shell Studie die Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen in fast allen Themenbereichen größer und nicht kleiner werden.“[24]

Dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht wird besonders deutlich, wenn wir unseren Blick über den Horizont der westlichen Welt hinausbewegen:

- Die Entwicklungsländer geraten in ein Dilemma: kaum ausgebildete Menschenmassen im erwerbsfähigen Alter geraten in eine Weltentwicklung, die auf Arbeitsersparnis, Automation und Freisetzung von Arbeitskräften zielt. Um sich in einer solchen Welttendenz erfolgreich einzubringen, müsste das Erwerbspotential dieser Völker einen gewaltigen Bildungssprung hinein in die Computerrevolution der modernen Welt schaffen. Die soziale Sorge um chancenlose Generationen markiert eine neue Runde im Nord-Süd-Konflikt.[25]

- Jugendliche in Randzonen der Städte, auf dem Land, die indianische Jugend und vor allem auch Mädchen und junge Frauen werden aus dem Prozess der Globalisierung ausgeschlossen. Die Exklusion fördert ganz allgemein eine „Zukunftslosigkeit“. Junge Frauen und Mädchen machen z.B. in Mexiko mehr als 70% der Arbeitslosen aus.[26]
 

3.5 Gewalt, Rechtsradikalismus als Folge von Ungleichheiten

Ursachen dafür, dass Jugendliche zu Gewalt neigen gibt es wahrscheinlich mehrere. Ein Grund sind Ungleichheiten:

- „Benachteiligung macht rechts“ lautet die Überschrift einer Jugendstudie in Österreich. Je schwerer Unsicherheit, Zukunftsangst und mangelnde Ausbildung an der Schule empfunden werden, desto größer ist die Anfälligkeit österreichischer Jugendlicher für rechtsextremes Gedankengut.[27]

- Eine spektakuläre Verschiebung der Staatsangehörigkeit von jugendlichen Tatverdächtigen, insbesondere starke Zunahmen bei Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien, hat es 1998 in der Schweiz gegeben. Aus der Perspektive vieler osteuropäischer Regionen gilt der europäische Westen als Schlaraffenland mit einer geradezu obszönen Verfügbarkeit von Luxus und Wohlstand. In Verbindung mit den Gewinnmöglichkeiten im Drogenhandel geht von diesen Ungleichheiten eine enorme Sogwirkung aus, welche sich im „Kriminaltourismus“ äußert.[28]
 

4. Religiosität:

Aktuelle Studien belegen einen Trend zum Religiösen. 6 von 10 Jugendlichen glauben an einen Gott. Mit den Charakteristika eines christlich-personalen Gottes haben ihre Vorstellungen aber kaum zu tun. Die traditionellen Religionen (auch die außerchristlichen) haben wenig von diesem Boom der Religionen. Die Suche zielt eher auf Esoterik und Okkultismus. Stichworte, die die Suche der Jugendlichen umschreiben sind: Musik, Medienkonsum, Glückspraktiken, Selbstherausforderung (Extremsport, Körperkult). Kennzeichen ihrer (Pseudo-)Religiosität ist, dass jede/r die Intensität seines Suchens selber bestimmen kann.

Der Einfluss des Christentums sinkt, christliche Formen und Symbole werden nur mehr von wenigen verstanden. Gründe dafür sind zum einen der individuelle Lebenssinn der Jugendlichen, zum anderen die fehlende Attraktivität der Kirche. Gottesdienste werden als fad, die Kirche als profillos empfunden. Am schwersten wiegt, dass die Kanäle der Glaubensweitergabe verstopft sind (Familie, Jugendarbeit, Religionsunterricht, Liturgie). [29]
 

5. Resümee

Zum Schluss möchte ich nochmals auf die Überschrift „gar nicht so einfach“ zurückkommen. In der intensiven Beschäftigung mit der Frage, was das Lebensgefühl von Jugendlichen ausmacht, hat sich der Eindruck, dass es die Jugend in unseren Breitengraden leicht hat, nach und nach verflüchtigt. Sie werden mit einer pluralisierten Welt konfrontiert und das ist gar nicht so einfach, ...

- weil junge Menschen oft sich selbst überlassen sind,
- weil manche junge Menschen überfordert sind,
- weil die Schere zwischen „Arm“ und „Reich“ weiter auseinandergeht,
- weil die Freiheit von Kindern und Jugendlichen durch Kommerz und Medien bedroht ist,
- weil es räumlich und zeitlich eng wird und viele Angst haben zu kurz zu kommen,
- weil die Frage nach Glauben und Sinn, nach Solidarität und Gerechtigkeit in so einer Atmosphäre auf der Strecke bleibt.


 

INDEXES

[1] Vgl. Gaschke, S., „Ende der Kindheit“. In: DIE ZEIT Nr. 17, 19. April 2000, 3.

[2] Vgl. Friesl, Ch., „Tausend Leben könnt’ ich leben“. Lebensrituale junger Menschen, Essen 21.9.1996.

[3] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf.

[4] Vgl. Eckholt, M., „Option für die Jugend“ – von der Kirche vergessen? In: Kirche und Mission 1/2001, 15ff.

[5] Provinzialskonferenz der Zentraleuropäischen Assistenz, „Dekrete der 31. bis 34. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu“. München, 1997, Dekret 2, Nr. 19, Seite 408.

[6] Friesl, Ch., „Tausend Leben könnt’ ich leben“. Lebensrituale junger Menschen, Essen 21.9.1996, 1.

[7] Friesl, Ch., „Tausend Leben könnt’ ich leben“. Lebensrituale junger Menschen, Essen 21.9.1996, 2.

[8] Sommer, C.-M., „Trends stilistisch aufgepeppt“. In: www.orf.at/orfon/000322-26524/26525txt_story.html. 24.03.2000.

[9] Vgl. Rushkoff, D., „Suchende Screenager im medialen Universum“. In: Der Standard 17.11.99.

[10] Vgl. Gaschke, S., „Ende der Kindheit“. In: DIE ZEIT Nr. 17, 19. April 2000, 3.

[11] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf, 16.

[12] Vgl. Kalle, M., „Just read it!“. In: Jetzt, Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, Nr. 8, 2001, 50.

[13] McLean, C., “Edward Norton”, übersetzt von Inama M. In: THE FACE, Nr. 35, Dezember 1999, 71.

[14] Friesl, Ch., „Tausend Leben könnt’ ich leben“. Lebensrituale junger Menschen, Essen 21.9.1996, 3.

[15] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf, 16.

[16] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf, 14.

[17] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf, 16.

[18] Friesl, Ch., „Tausend Leben könnt’ ich leben“. Lebensrituale junger Menschen, Essen 21.9.1996, 4.

[19] Krafeld, F. J., „Leben mit bruchhaften Erwerbsbiographien“. – Eine ausgeblendete Normalität jugendlicher Lebensverläufe. In: Zeitung der Wiener Jugendzentren, 1998, 5-12.

[20] Vgl. Gaschke, S., „Ende der Kindheit“. In: DIE ZEIT Nr. 17, 19. April 2000, 3.

[21] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf, 13.

[22] Vgl. Völker, M., „Problemkinder kommen aus dem Nichts“. In: Der Standard, 3. April 1996, 6.

[23] Gaschke, S., „Die Schule ist mit den unerzogenen Schülern überfordert“. In: DIE ZEIT, 20/2000.

[24] Vgl. Fischer, A., Fritzsche, Y., Fuchs-Heinritz, W., Münichmeier, R., „Hauptergebnisse der 13. Shell Jugendstudie“. In: http://www.shell-jugend2000.de/download/hauptergebnisse.pdf, 17.

[25] Schmid, J., „Der sechsmillionste Mensch“. In: Neue Zürcher Zeitung 12.10.99.

[26] Vgl. Eckholt, M., „Option für die Jugend“ – von der Kirche vergessen? In: Kirche und Mission 1/2001, 16.

[27] „Benachteiligung macht ‚rechts’“. In: Der Standard, 27.3.1993.

[28] Eisner, M., „Warum die Jugendkriminalität stark zunimmt“. In: Neue Zürcher Zeitung, 55/1998, 55.

[29] Friesl, Ch., „Tausend Leben könnt’ ich leben“. Lebensrituale junger Menschen, Essen 21.9.1996, 6-7.