Sühne und Versöhnung
 
Rev. Fischer, Georg SJ / Prof. Knut Backhaus
Austria
 
Sühne und Versöhnung, Würzburg: Echter, c2000. Series title (Neue Echter Bibel.pThemen; 7)


Hinführung

Gottes Vergeben trägt alles menschliche Leben. Angesichts der Grunder­fahrung, immer wieder in Schuld verstrickt zu werden, wäre menschliche Existenz ohne dieses göttliche Verzeihen aussichtslos. Anderseits gewinnt das Leben der Menschen gerade durch Vergebung eine neue Dimension: Das Glück, trotz Schuld dennoch angenommen zu werden und leben zu dürfen, reicht tiefer als eine oberflächliche Selbstgerechtigkeit.

Schuldig zu werden ist menschliches Los. Diese Erfahrung, von der im Al­ten Testament niemand ausgenommen ist, wiegt so schwer, daß sie bis heute oft verdrängt wird. Die Bibel aber weicht dieser bohrenden Wunde nicht aus, sondern stellt sich ihr, vom ersten bis zum letzten Buch. Zu­gleich zeigt die Bibel auch Wege auf, wie Menschen von dieser Last der Schuld und der Sünden befreit werden können. Unser Buch zu »Sühne und Versöhnung« will sie in den Blick nehmen.

Diese beiden deutschen Wörter gehen auf das althochdeutsche suona zurück, das »Urteil, Gericht« bedeutet und den ausgleichenden Ersatz bei Unrecht meint'. Sühne soll also wieder herstellen, was zwischen zwei Par­teien durch Schuld an Ungleichgewicht entstanden ist?

Interessant ist der Befund im alten Hebräisch. Für Sühne gibt es eine Ent­sprechung durch Bildungen der Wurzel kpr, nicht aber für das Nomen Versöhnung.

Die Ableitung des hebräischen Verbs kpr (1mal im Alten Testament) bleibt offen: Seine Bedeutung kann entweder mit dem akkadischen kuppu­ru »ab-, auswischen« oder aber mit der nordwest- und südsemitischen Wurzel kpr »bedecken« zusammenhängen'. Im einen Fall handelt es sich, übertragen auf Schuld, um deren Auslöschen, im anderen Fall um ihr Zu­decken.

Von diesem Verb werden einige Nomina gebildet, wie z.B. kofär »Löse­geld, Sühne« (-> B.2 mit n3), kapporät für die Deckplatte (Sühne-) ober­halb der Bundeslade, und kippurim »Sühnung«, auch für den Versöh­nungstag in Lev 16 verwendet (-s G).

Demgegenüber fehlt im Hebräischen ein eigentliches Wort für zwi­schenmenschliches Versöhnen, auch wenn es mehrfach begegnet, etwa bei Josef und seinen Brüdern oder bei David (--j D, H). Nur an einer Stelle paßt dieses deutsche Wort. In Spr 16,7 heißt es:

»Wenn gefallen Jahwe die Wege eines Menschen, auch seine Feinde versöhnt er mit ihm

Dies ist das einzige Mal, daß schalem im Hifil, das sonst öfter als Frieden schließen« wiederzugeben ist, mit »versöhnen« übersetzt werden kann4. Subjekt bleibt dabei dennoch Gott selbst,

Während also »Sühne« und damit der Bereich der Versöhnung Gott ge­genüber häufig benannt und bedacht wird, ist die Aussöhnung unter Men­schen im Alten Testament nicht so deutlich mit Begriffen zu fassen. Dem entspricht auch, daß sie oft mit langen, nicht immer leichten Wegen und Prozessen abläuft, wie wir bei Jakob und seiner Familie (-> C, D) sehen werden.

Vermutlich hängt dieser Befund noch mit einer anderen Eigenart der hebr. Bibel zusammen. Das Wort für »vergeben«, salah,, kennt als einziges Sub­jekt bei insgesamt 46 Vorkommen nur Gott. Nie wagt ein hebräischer Text, von Menschen Vergeben auszusagen. Das zeigt, daß der Umgang mit Sünde und Schuld Menschen unausweichlich vor Gott bringt.

Diese einleitenden Bemerkungen lassen den außergewöhnlichen Stellen­wert erkennen, der dem Thema Sühne und Versöhnung für die ganze Bibel zukommt. Versöhnung mit Gott und unter den Menschen durch­zieht sie vom Anfang bis zum Ende und stellt in vielen Fällen das zentra­le Motiv dar.

Der als Motto vorangestellte Ps 32 verbindet mit Gottes Vergebung für den Menschen sogar eine doppelte Seligpreisung (V. lf). Seine Verzeihung geschenkt zu erhalten bringt Leben in Fülle. So lohnt sich, die Aussagen der Bibel zu Sühne und Versöhnung genauer anzusehen, umso mehr, als die Sehnsucht nach Aussöhnung ungebrochen anhält. Es ist zu erwarten, daß die biblischen Texte dafür auch heute viel zu sagen haben.

Die Frage der Versöhnung ist für jede Person für Gesellschaften und für die Menschheit als ganze drängend. Deshalb wollen wir aus der Vielfalt der biblischen Botschaft wichtige Aspekte für das Alte Testament vorstel­len: wie es begonnen hat (A); ob es Rache oder Vergebung vorzieht und wie auf Verletzungen bzw. Unrecht zu reagieren ist (B); wie ein Weiterle­ben möglich ist bei Spaltung oder tödlichem Haß in einer Familie (C und D); ob es noch eine Chance gibt, wenn alle sündigen (E); dabei geben Got­tes Wesen (F) und die von ihm gewährten Angebote zur Sühne (G) Hoff­nung; den Abschluß bilden das Beispiel Davids (H) und ein Rückblick mit Überleitung zum Neuen Testament.

Unser Wunsch ist, daß die biblischen Texte und unser Buch helfen mögen, Versöhnung zu suchen und zu schenken.
 

A. Ein Blick auf die Anfänge

Warum ist dein Gesicht gefallen? ...
Wenn du gut tust, Erheben..~
Gen 4,6f

Die ersten beiden Kapitel der Bíbel schildern Eintracht zwischen Schöp­fer und Geschöpf. Doch schon in Gen 3 wird diese Harmonie gestört und die Beziehung mit Gott tiefgehend belastet. Diese Trübung des Verhält­nisses dauert, wiederholt und immer neu, bis in die Gegenwart an.
 

1. Täuschung und Verlangen: Genesis 3

Die Erzählung in Gen 3 ist wie überhaupt die ganze Urgeschichte beispielhaft. Das erste Menschenpaar steht für die gesamte Menschheit; die Aussagen über es gelten allgemein für jede und jeden.

In Gen 3 findet sich kein einziges Wort für Sünde oder Schuld. Dies ist be­zeichnend für den Beginn der Entfremdung von Gott. Schleichend wie die Schlange und schwer erkennbar fängt Böses an.

Die Schlange verkörpert jene - un-menschlichen, tierischen - Kräfte, die zum Schlechten verleiten. Ihre Strategie besteht in verdrehendem, täu­schendem, verlockenden Reden:

Gen 3,1 »... ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?.
3,4 »Ihr werdet sicher nicht sterben.«
3,5 »Ihr werdet wie Gott sein ...«

Dieses verführerische Reden trifft auf die Anziehungskraft, die gleich dreifach verspürt wird (V 6): Hgut zum Essen ... Lust für die Augen ... be­gehrenswert anzusehen«. Die Kombination von äußerer Verleitung und innerer Anfälligkeit nimmt jeden Halt und führt zum Übertreten der göttlichen Anweisung. Dieser zweifache Mechanismus, von außen und innen, wirkt unwiderstehlich und bricht durch alle Schranken.

Auch wenn Ausdrücke für Schuld oder Sünde fehlen, so doch nicht der Tatbestand. Das falsche Verhalten besteht darin, eine persönlich bekannte Anweisung Gottes (Gen 2,17 mit 3,3) nicht zu befolgen. Wie zumeist liegt das Vergehen nicht im Übertreten von Gesetzen, sondern im Verletzen von Beziehung.

Statt direkt Fehlverhalten zu benennen, zeigt Gen 3 kunstvoll dessen Fol­gen auf. Die Menschen erkennen ihre Nacktheit (V 7); die Ansage der Schlange, daß ihre »Augen geöffnet werden« (V 5) erfüllt sich so uner­wartet ironisch in der Konfrontation mit der eigenen Schutzlosigkeit und -bedürftigkeit.

Sie verstetken sich dann vor ihrem Schöpfer (V 8) und erfahren zum er­sten Mal Angst (V. 10). Auf dessen Frage V. 11 schiebt Adam die Verant

wortung auf seine Frau ab (V. 12), und diese auf die Schlange (V. 13). Nie­mand will die Last des Vergehens tragen. Dabei ist auch eine Dynamik er­kennbar, die sich von einer »einfachen« Übertretung zu einer tiefgreifen­den und immer weiter reichenden Beziehungsstörung auswächst.

Gott übergeht den Vorfall nicht, sondern spricht allen Beteiligten die Fol­gen zu, genau der Reihenfolge der Handlung nach. Dabei erstellt er Ent­sprechungen mit dem Geschehen zuvor, bei der Schlange mit balle Tiere des Feldes« (V. 14 - V 1 ), bei der Frau mit »Verlangen« (V. 16 - Begehren V 6), beim Mann mit »essen« (3mal V 17 - V 6). Was an Mühsal und Be­schwernis dieses Menschenpaar trifft, hängt mit ihrem Fehlverhalten zu­sammen.

Wie sehr Gott dennoch den Menschen zugeneigt bleibt, belegen seine Taten. Suchend geht er den sich Versteckenden nach (V 9), schützt ihre Nacktheit mit Fellkleidern (V. 21) und begrenzt ihre Lebenszeit durch die Vertreibung aus dem Garten Eden (V 22-24); ewig so, mit den Belastun­gen der gebrochenen Gottesbeziehung und den in V. 16-19 genannten Mühsalen zu leben wäre noch viel schwerer. Selbst im Umgang mit Ver­gehen ist Gottes Milde und Nachsicht erkennbar.
 

2. Vom Zorn zum Mord: Genesis 4

Die Dynamik des Vergehens macht nicht Halt in Gen 3, sondern zieht weiter und steigert sich im nächsten Kapitel. Dort fallen auch zum ersten Mal Fachausdrücke, verbunden mit Bildern.

Wie so viele Geschwister sind auch Kain und Abel sehr unterschiedlich, Kain bedeutet »Erwerb«, er ist ein seßhafter Bauer; Abel besagt »Hauch, Vergänglichkeit«, sein Beruf ist Schafhirte (V 2). Ihre Einstellungen kom­men auch in ihren Gaben zum Ausdruck. Kain nimmt ohne Auswahl, während Abel zweifach das Beste Gott darbringt: von den Erstlingen und von deren Fett (V 3f).

Ohne diesen Grund für Gottes verschiedenes Verhalten zu sehen, »brennt« es in Kain, und umgekehrt zu diesem Hochsteigen des Zorns senkt sich sein Gesicht (V 5, wörtlich »fällt«). Diesen erregten Menschen spricht Gott an (V. 6f):

»Warum brennt es dir? Und warum ist dein Gesicht gefallen? Ist es nicht: Wenn du gut tust, tragen [= erheben deines Gesichts]; wenn du aber nicht gut tust, ist am Eingang die Sünde liegend? Nach dir ist ihr Verlangen, du aber sollst über sie herrschen.«

Gott nimmt die Lage Kains wahr und macht ihn aufmerksam auf seine Gefährdung. In der Alternative »Wenn ..,; wenn nicht ...« führt er ihm die Folgen seines Tuns vor Augen, das eine Mal als Auswirkung auf die Kopf­haltung, das andere Mal mit einem Bild, Dieses stammt von liegenden Tie­ren (Löwe bzw. Esel, Gen 49,9.14) und wird hier mit dem ersten Vor­kommen von »Sünde« verbunden.

Weder diese Warnung noch die Aufforderung, über das Verlangen (dasselbe Wort wie in 3,16) der Sünde zu herrschen, richten etwas in Kain aus. Er läßt Gott ohne Antwort, wendet sich dann an Abel (V 8). Dabei erfolgt zwar eine Redeeinleitung, aber die Leser erfahren nicht den Inhalt - be­~Ceichnend für die Kommunikationslosigkeit Kains, der in dieser Haltung tinem Bruder eigentlich nichts zu sagen hat. Auf dem Feld, von Gen 3;1.14 her dem Bereich der Schlange, kommt es zur Bluttat. Der erste Tod auf der Erde ist ein Mord.

Der Anfrage nach dem Bruder möchte sich Kain in V 9 mit Lüge und Ge­enfxage entwinden, doch Gott konfrontiert ihn, bis zum Eingeständnis in V 13: »Zu groß ist mein Vergehen zum Tragen.« Das zweite Vorkom­men eines Fachbegriffs, diesmal `awon »Verkehrung, Vergehen«', ist wie­derum bildhaft gebraucht, unter Aufgreifen des schon in V. 7 verwende­ten »tragen«. Verschuldungen sind wie eine Last, die drückt und getragen werden muß, in diesem Fall aber nicht getragen werden kann.

Auch für den Mörder Kain sorgt Gott. Dessen Angst vor dem gleichen Schicksal wie Abel begegnet er mit der Warnung vor siebenfacher Rache und einem Schutzzeichen (V 15). Damit kann Kain wegziehen und wei­terleben, doch heimatlos, flüchtig in der Fremde. Wer sich so schwer ver­geht, verliert seine Heimat.
 

3. Ausbreiten der Sünde, Ausbreiten der Gnade

Dieser Doppelaspekt, den wir bisher in Gen 3f gesehen haben, prägt die ganze Urgeschichte. Wiederholt fallen Menschen in Schuld, und immer wieder sucht Gott nach neuen Anfängen.

Dem unscheinbaren Beginn in Gen 3, wo der Mensch der Stimme anderer mehr Gehör schenkt als der Anweisung Gottes, folgt ein Anwachsen des Bösen über den Mord Kains hin zur Verderbtheit der Menschheit in Trachten und gewalttätigem Handeln (6,5.11). Wie bei einer größer wer­denden Spirale weitet sich das Unheil immer mehr aus.

Gott antwortet darauf mit einem Neueinsatz in Noach, dessen Familie aufgrund seiner Gerechtigkeit (6,9) vor der Flut bewahrt wird. Der Bund mit ihm gilt allen Menschen auf ewig (9,8-17).

Auch nach der Sintflut übertreten Menschen Gottes Anweisung. Gegen die Aufforderung, sich über die Erde auszubreiten (9,7), machen sie Plä­ne, durch den Bau von Stadt und Turm zusammenzubleiben und göttliche Sphären zu erreichen (11,4). Wiederum antwortet Gott mit einem neuen Beginn, nun in Abram, der in seinem völligen Gehorsam endlich jene Per­son ist, der Gottes Zugehen entsprechend aufnimmt (Gen l2ff).

Die Urgeschichte zeigt einen Gott, der - soweit möglich - nachsichtig ge­genüber menschlichen Verfehlungen reagiert und wiederholt neue Anfän­ge zu setzen versucht. Dabei übergeht er Fehlverhalten nicht, sondern zieht zur Verantwortung und deckt die Folgen auf. Ohne daß Ausdrücke wie Sühne oder Versöhnung fallen, handelt er der gesamten Menschheit gegenüber in dieser Richtung und Haltung.

Gott bleibt bei dieser Einstellung, obwohl auf seiten der Menschen Böses sich mehrfach wiederholt und immer weiter um sich greift. Wie im Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker (Mt 13,24-30) legt Gen 1-11 so dar, daß Böses sich nicht ausrotten läßt.

Dennoch geht Gott unbeirrt seinen Weg weiter, mit einzelnen exemplari­schen Gerechten wie Henoch, Noach, Abram. Sie fangen auf, was andere mit ihrer Übertretung an negativen Folgen auslösen; in dieser Weise deu­tet auch Paulus die Gestalt Jesu (Röm 5,12-21, bes. V 17).

Auch die beiden mit den ersten Fachausdrücken kombinierten Bilder in Gen 4,7.13 verdienen Beachtung. Die begehrende, am Eingang wartende Sünde und die letztlich untragbare Schuldenlast zeigen die Ausgeliefertheit des Menschen gegenüber diesen Mächten. Aus eigener Kraft kann sich niemand davon befreien.
 

B. Ein Weg von Rache zu Liebe und Vergebung

Wenn du triffst auf das Rind deines Feindes ... umherirrend, sollst du es ihm gewiß zurückbringen! Ex 23,4

Oben bei Gen 4,15 sind wir dem ersten Vorkommen von »Rache« in der Bibel begegnet. Diese so frühe Erwähnung entspricht der Erfahrung, daß der Wunsch nach Vergeltung oft unwillkürlich hochsteigt und bis heute eine verbreitete Reaktionsweise auf Unrecht oder Verletzungen darstellt. Die biblischen Texte bleiben aber nicht bei rächendem Verhalten stehen, sondern zeigen einen Weg auf, der zum Wohlwollen sogar Fremden und Feinden gegenüber führt. Damit können Menschen ihnen angetanes Un­recht überwinden und aus dem gefährlichen, oft tödlichen Kreislauf der Vergeltung einen Ausweg finden'.

Der hier vorgestellte Weg verläuft weder geradlinig noch eindeutig. Viel­mehr spiegelt sich in der Bibel ein Ringen bezüglich dieser Thematik von Rache oder Vergebung, das alle Zeiten durchzieht. So läßt sich keine be­ständige Höherentwicklung zum immer Besseren und Vollkommenen ausmachen; späte Bücher wie Ester oder 1 Makk, aber auch manche Stel­len im Neuen Testament (z.B. Lk 19,27) sind noch vom Vergeltungsden­ken geprägt.

Dennoch gibt es insgesamt in der Bibel eine Bewegung, die auf eine Ethik der Gewaltlosigkeit zuläuft und ihren Höhepunkt in Aussagen und im Verhalten Jesu findet. Auf diesem Weg geht auch das Alte Testament sehr weit, und es bereitet vieles von dem vor, was Jesus dann in letzter Ent­schiedenheit verkündet und lebt.
 

1. Rache

Mit diesem Wort bezeichnen wir im Deutschen jenes unkontrollierte Ver­gelten, das aus einem spontanen Empfinden heraus anderen bis zum mehr­fachen Maß Schaden zufügt gegenüber dem, was man selber erlitten hat. Ein Problem entsteht dadurch, daß in manchen Übersetzungen dieses Wort mit Gott in Verbindung gebracht wird, etwa in Ps 94,1 »Gott der Rache« , oder in Dtn 32,35, wo er von sich sagt: »Mein ist die Rache«. Die Einheitsübersetzung gibt mit »Vergeltung« bzw. »Strafe« wieder.

Doch ist bei diesen Übersetzungen Vorsicht geboten, weil das entspre­chende hebräische Wort naqam zunächst »Ausgleich« meint; es geht dar­um, Gerechtigkeit wiederherzustellen2. Auf Gott bezogen sollte man des­wegen eine Wiedergabe mit »Rache« vermeiden, weil es im Deutschen falsche Assoziationen weckt. Gen 4,15, der erste Beleg für Rache, läßt ihren Sinn erkennen: Mit dem Androhen siebenfacher Vergeltung soll Kain geschützt werden. Das Rech­nen mit vielfachem eigenen Schaden soll Menschen von bösem Handeln an anderen abhalten.

Doch noch im selben Kapitel entwickelt sich die Rache-Dynamik über je­des Maß hinaus. Lamech brüstet sich gegenüber seinen Frauen in 4,23f:

»Einen Mann habe ich erschlagen für meine Wunde, und einen Jungen für meine Strieme.
Wenn Kain siebenmal gerächt werden soll, so Lamech siebenundsiebzigmal!«

Aus der warnenden Ansage Gottes, als Schutz für einen anderen (Kain), ist brutale Realität geworden, mit der Lamech unproportionale Gewalt für die eigenen Zwecke schon eingesetzt hat und sich noch dazu dessen rühmt. Die mit »siebenmal« bereits mehrfache Vergeltung ufert jetzt völlig aus: 7x mal l lx -> 77x. Gewalt multipliziert sich, mehr als zur Potenz; die Vervielfachung mit 11x - statt erneut mit 7x - bedeutet eine über­schießende Vermehrung der Vergeltung, ohne Verhältnis zum Erlittenen. Rache ist auch darin blind, daß die Maßstäbe fehlen. Wie kann diese ex­plosive Dynamik der Rache ein Ende finden?

Solches Vergelten findet sich ebenso im Neuen Testament. Herodes läßt aus Zorn in Betlehem alle Knaben bis zu zwei Jahren töten (Mt 2,16). Jakobus und Johannes wollen über ein Dorf der Samariter, das sie nicht auf­genommen hat, Feuer herabfallen lassen (Lk 9,54), was Jesus aber unter­sagt. Selbst die Jünger Jesu sind also nicht frei von Rachedenken.
 

2. Talio, die gleiche Vergeltung

Viele Gesetze des alten Israel stehen unter dem Einfluß der Vorstellung von der talio, dem gleichen Ersatz für entstandenen Schaden. Die Talio be­deutet gegenüber der Rache einen ungeheuren Fortschritt in der Mensch­heitsgeschichte, weil sie die Vergeltung auf - nur - das gleiche Maß be­grenzt.

Die ausführlichste Bestimmung dazu findet sich im Bundesbuch. Ex 21, 22-25 behandeln die Fälle, daß beim Streit zweier Männer
a) V 22 eine schwangere Frau ihr Kind verliert
b) V 23-25 sonstiger Schaden entsteht.

Im letzteren Fall wird verordnet, daß

H... du geben sollst Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.«

Diese längste Liste nennt acht konkrete Fälle für Ersatz: zunächst, umfas­send, das Leben (im Todesfall), dann sieben körperliche Verletzungen. Umstritten ist dabei, ob wirklich dem Verursachenden der entsprechende baden zugefügt wurde oder ob er sich mit einem Sühnegeld, wie in 30, jedoch für einen anderen Fall, freikaufen konnte'.

Mehrere andere Stellen hängen mit Ex 21 zusammen. Lev 24,19f betont zweifach die Vergeltung durch »so soll ihm getan/(zurück-) gegeben wer­«; es nennt vier Körperverletzungen, darunter an erster Stelle neu »Bruch für Bruch«. Die forderndste Bestimmung, »Leben für Leben« , ist vorweggenommen in V 18 und findet nur auf Tiere Anwendung.

er Wunsch, gewalttätigem Tun innerhalb der Gemeinschaft Einhalt zu bieten, steht hinter Dtn 19, bes. V. 20f. Dort wird die Talio in V. 21 eingeleitet mit: »Und nicht blicke dein Auge mitleidig ...« Nach dieser Auffassung verlangt der Schutz der Gemeinschaft gelegentlich ein hartes Auftreten, sogar gegen die eigenen Gefühle.

er Befund im Neuen Testament geht in zwei Richtungen. In Mt 7,2 macht Jesus aufmerksam, daß wir nach der Talio gerichtet und gemessen erden. In derselben Bergpredigt überschreitet er zugleich dieses Vergeltungsdenken, wenn er in 5,38 Ex 21,24 zitiert und sich dann in V 39ff von absetzt mit der Aufforderung, dem Bösen keinen Widerstand zu leisten (--> unten bei 5).

Manche betrachten die Talio abschätzig und als überholt. Dazu ist zu gen, daß die Begrenzung auf das gleiche Maß selbst heute oft nicht ein­halten wird, weder im persönlichen Bereich noch in den Gesetzen mancher autoritärer Staaten und Regime".
 

3. Goldene Regeln

Angesichts der Erfahrung, daß immer wieder Menschen anderen Leid zu­fügen, sind knapp gefaßte Sätze entstanden, die solches Tun verhindern wollen. Sie finden sich in der Bibel auf zweifache Weise.

Tob 4,15 formuliert: »Und was du haßt, tu niemandem! «Es möchte domit ausschließen, daß Schweres oder Schädliches anderen angetan wird. 'Positiv gewendet fordert Mt 7,12: »Alles aber, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen!« (ähnlich Lk 6,31). Hier ist ein ak­tives, aufbauendes Gestalten der Beziehung zu anderen aus eigener Werterfahrung
angestrebt.

Beide Formulierungen sind orientiert an den Mitmenschen und einer ge­meinsamen Zukunft. In dieser Ausrichtung vermögen sie eine fruchtlose Konzentration auf Verletzungen in der Vergangenheit zu überwinden. Voraussetzung für beide Regeln ist eine grundsätzliche Übereinstimmung im Empfinden. Im konkreten Zusammenleben mit anderen Menschen empfiehlt es sich, diese Vorlieben oder Abneigungen auch an- und auszu­sprechen, damit nicht falsche eigene Vorstellungen auf sie projiziert wer­den oder bei ihnen entstehen.

In neuerer Zeit versuchen Spieltheorien, konstruktives menschliches Ver­halten in Gemeinschaft zu simulieren. Dabei scheinen jene Strategien weiter zu führen, die am Beginn einen Vertrauensvorschuß gewähren, also nach dem Prinzip der goldenen Regel in positiver Weise und zuvorkom­mend anderen begegnen. Dann jedoch, in der an den anfänglichen Kon­takt anschließenden zweiten Phase wiederholter Begegnungen, bewähre sich mehr das Muster der gleichen Vergeltung nach dem Prinzip der Talio; das gleiche Zurückgeben im wechselseitigen Austauschen wirkt motivierend für gute Handlungen.
 

4. Alle als Schwestern und Brüder

Menschliches Verhalten ist ein komplexes Regelungssystem, das neben dem eigenen Handeln und den Beziehungen zu anderen auch die Folgen einzuberechnen vermag. Dennoch können Großmut und Entgegenkom­men die mit Modellen und Theorien verbundenen Erwartungen verändern oder gar durchbrechen. Das geschieht anfanghaft bereits bei den goldenen Regeln, noch mehr aber, wenn die Einstellung zu den »anderen« sich wan­delt. Drei Bereiche aus dem Alten Testament sollen dies illustrieren.
 

4.1 Geforderte Hilfeleistung gegenüber Tieren

Ex 23,4f verfügt, Rind oder Esel »deines Feindes« ihm zurückzubringen, wenn sie umherirren, und einem unter der Last zusammengebrochenen Esel »des dich Hassenden« gemeinsam mit ihm beizustehen. Diese Vor­schrift ergeht in rechtlichem Kontext; sodaß vielleicht ein Gegner im Rechtsstreit gemeint sein könnte.

Die Parallelüberlieferung in Dtn 22,1.4 formuliert demgegenüber beide Male mit »deines Bruders«. Meist wird Dtn 22 als von Ex 23 abhängig an­gesehen; die Veränderung vom Feind zum Bruder verstärkt dann die Mo­tivation zum solidarischen Handeln durch die Betonung der menschlichen Nähe (»Bruder«). Sollte jedoch Ex 23 von Dtn 22 literarisch abhängen, würde dies verschärfend Hilfe sogar gegenüber dem Gegner verlangen. In beiden Fällen ist der konkrete Anlaß Hilfe erfordernde Not. Das Emp­finden mit dem leidenden Tier erleichtert, wie im Fall von Ex 23, das Sich-Einsetzen auch für jemanden, mit dem man sich schwer tut. Helfen kann einander gegenüberstehende Personen oder Parteien zusammenbringen und sie die klassischen Grenzen bei Einstellungen und Gefühlen über­schreiten lassen. So hat es eine verbindende Wirkung. Nöte, wie bein Krieg im Kosovo, bei den Erdbeben in der Türkei, bei Hunger in man­chen Ländern Afrikas u.a., um nur einige wenige Beispiele zu nennen, lö­sen gemeinsame Bestrebungen zu ihrer Linderung aus. Dabei kommen Menschen aus verschiedenen - manchmal sogar verfeindeten - Ländern und unterschiedlichen Glaubenszugehörigkeiten zusammen und leisten miteinander Hilfe.
 

4.2 Elischa als Beispiel eines versöhnenden Menschen

Zumeist wird Elischa als weniger starker Nachfolger des kräftiger auftre­tenden Elija angesehen. Zu Unrecht, denn mit seinem außergewöhnlichen Verständnis setzt er bis dahin unerreichte Maßstäbe.

Als der aramäische Feldherr Naaman in 2 Kön 5 nach der Heilung zu ihm zurückkehrt, bittet er in V 18 um Jahwes Vergebung für sein Niederfallen vor Hadad-Rimmon, wenn er seinen König beim Tempelbesuch begleitet. Elischa antwortet ihm in V 19 mit: »Geh in Frieden!«, Zeichen einer großen religiösen Toleranz. Einem Menschen, der wegen seiner Umge­bung einen anderen Kult praktiziert, spricht er schalom »Friede, Heil, Glück« zu.

Gleich im nächsten Kapitel kommen aramäische Soldaten, um ihn zu er­greifen (2 Kön 6,8ff). Mit göttlicher Hilfe kann Elischa sie »blind« nach Sa­maria zum König führen, der ihn fragt (V. 21): »Soll ich (sie) erschlagen, soll ich (sie) erschlagen, mein Vater?« Elischa verbietet es ihm, stellt ihm eine Gegenfrage und fordert von ihm die Bewirtung und Freilassung der feindlichen Soldaten (V 22; für einen ähnlichen Fall siehe 2 Chr 28,9-15). Das Festmahl verfehlt seine Wirkung nicht, es beendet die aramäischen Streifzüge (V 23).

Diese Verhaltensweisen Elischas treten durch den Kontrast mit Elija (z.B. in 2 Kön 1,9-15 bei eigenen Soldaten, oder 1 Kön 18 gegenüber den Baals­propheten) noch stärker hervor. In Elischa leben eine erstaunliche Weite, Milde und Güte, die die Begrenztheiten und Schwächen anderer, selbst von »Feinden« annehmen und wenden kann. So schenkt er Leben und Hei­lung.
 

4.3 Völkerübergreifende Verständigung

 Das wirkliche Begreifen alttestamentlicher Texte wird oft durch eine nationalistisch-ethnische Auslegung von Ausdrücken wie »Israel, Land, :' Erwählung, Bund ...« verhindert. Ein solches Mißverstehen muß die entprechenden Texte gegen ihren Sinn und gegen ihren historischen Kontext ,i;! lesen und die Aussagen, die für eine Gemeinschaft von Glaubenden gel ten, in völkisch-nationaler Weise fehldeuten.

Demgegenüber gibt es viele Stellen, die eine außergewöhnliche Offenheit '' für andere Gruppen und Völker zeigen. Dies gilt sogar für den Auszug aus Ägypten, wo eine große Zahl »Mischvolk« mit den Israeliten wegzieht (Ex  12,38). Schon ganz am Beginn der Bibel belegt die Urgeschichte in Gen  i-11 die universale Ausrichtung auf alle Menschen. Die Genealogie in -:-Gen 10, die die ganze Menschheit umfaßt, unterstreicht diese Perspektive noch mehr.

Auch bei den Propheten sprechen einige Texte ausdrücklich das Verhält­nis zu den Völkern an. Innerhalb der sog. Fremdvölkersprüche Jesajas  bringt Jes 19 einen Spruch über Ägypten. Nach der Ankündigung des Ge richts erfolgen fünf mit »an jenem Tag« eingeleitete Ansagen; von denen die letzten beiden ab V 23 internationale Beziehungen ansprechen. Dabei bietet die »Hochstraße« von V. 23 zunächst die Voraussetzungen. Diese Wegverbindung erlaubt und erleichtert den Austausch zwischen Ägypten und Assur7; den traditionell feindlichen Großmächten des Alten Orients.

Noch weiter geht V 24f, indem es Israel als dritte Kraft neben diesen bei­den klassischen Zentren nennt, eine Konstellation zum »Segen inmitten der Welt« . V. 25 entfaltet diesen Segen:

»Gesegnet sei mein Volk, Ägypten, und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbe, Israel!«

Diese Bezeichnungen für die beiden feindlichen Mächte, unter denen Israel lange und viel zu leiden hatte, sind Ehrentitel aus dem Mund Got­tes. Sie geben den beiden Völkern eine Stellung gemeinsam mit Israel vor Gott.

Der andere Text steht in Jer 29. In seinem Brief an die 597 nach Babel Exi­lierten schreibt Jeremia im Namen Gottes:

»Und sucht das Heil der Stadt, wohin ich euch exiliert habe, und betet ihret­wegen zu Jahwe, denn in ihrem Heil wird euch Heil sein!« (V 7)

Die Verschleppten werden aufgefordert, für jene Hauptstadt zu beten, die Grund für ihr schweres Schicksal ist. Dreimal fällt dabei das Wort schalom »Friede, Heil« (wie oben 4.2); gelingendes Leben auch für sich selber ist untrennbar verbunden mit dem Wohlergehen dieser »Feinde«. Es ist verständlich, daß diese Anweisungen Jeremias auf Widerstand stoßen (V 27). - Im Jeremiabuch finden sich auch Heilszusagen für andere Völ­ker (46,26; 48,47; 49,6.39).

In dieselbe Richtung der Bitte für Feinde geht Baruch 1,11:

»Betet für das Leben Nebukadnezzars von Babel und für das Leben seines Sohnes Belschazzar ...!«

Hier soll das Gebet sogar für jenen König erfolgen, der für den Untergang Jerusalems verantwortlich ist.

Daß alle Menschen, unabhängig von emotionaler Beziehung oder völki­scher Zugehörigkeit, Schwestern und Brüder sind und friedlich zusam­menleben sollen, ist die übereinstimmende Botschaft der genannten Tex­te. Der Glaube an den einen, universalen Gott der ganzen Welt hat zu die­ser Erkenntnis geführt. Vielleicht hat auch die tolerante und großzügige Behandlung, die die Gläubigen im Perserreich erfahren haben, dazu bei­getragen (siehe 2 Chr 36,22f sowie die in Esra und Neh erwähnten Er­laubnisse).

Diese grundsätzlich offene Einstellung hat Widerspruch gefunden, nicht nur in Jer 29, sondern auch in Büchern wie Esra, Nehemia u.a. Immer wieder gibt es abgrenzende Tendenzen und Enge, die die im Glauben an Jahwe mögliche Weite aus Angst, eigenen Interessen oder anderen Motiven beschränkt. Doch entfalten die genannten, für Verständigung spre­chenden Texte und Visionen wie Jes 2,2-5 und 25,6-8 auf Dauer größere Kraft.
 

5. Die Liebe zu Fremden und Feinden

Schon das Alte Testament geht noch einen Schritt weiter als das bisher Ge­sehene, indem es gebietet, den Fremden zu lieben. Einer traditionell nega­tiv besetzten Gruppe - wie es sich bis heute vielfach in der Einstellung und Politik gegenüber Ausländern zeigt - soll Liebe, also eine wohlwollende, fördernde Haltung entgegengebracht werden, die die einem selber zuteil gewordene Güte Gottes weiterschenkt.

Die beiden Haupttexte sind Lev 19,34 und Dtn 10,17-19. Beide Texte be­gründen diese Forderung mit der Erfahrung, selbst in Ägypten Fremde gewesen zu sein. Dtn 10 betont zusätzlich motivierend im voraus, daß Gott den Fremden liebt (V. 18, im Partizip, als bleibende Haltung) und sich konkret für ihn einsetzt, mit Nahrung und Kleidung; letztere verchafft ihm auch Ansehen innerhalb der Gemeinschaft. Diese Haltung zum Fremden ist bei ihm kein Zeichen von Schwäche, sondern kommt aus seiner absoluten Souveränität (V 17).

Mit dem Gebot, die Feinde zu lieben, verlassen wir den Bereich des Alten Testaments. Diese Aufforderung in Mt 5,44 und Lk 6,27 bringt Neues. Doch vom Verhalten her kann man schon das Tun Elischas oder den Ein­satz des Gottesknechtes in dieser Weise deuten. Auch folgt in Mt 5,44 in unmittelbarer Parallele das Beten für die Verfolger, ganz ähnlich wie in Jer 29 oder Bar 1. So darf man sagen, daß dieses Gebot Jesu in der Linie und Konsequenz der gesamtbiblischen Versöhnungsbotschaft steht und ihren Höhepunkt markiert. Auch bei ihm ist Gott selbst (V 45.48) die stärkste Motivation für das entsprechende menschliche Verhalten.

in der Forderung zu vergeben konkretisiert sich diese Liebe zum Feind. Aufgrund der Eigenart von salah (siehe oben S. 12) ist in der Hebräischen Bibel dieser Weg nicht möglich; doch verlangt Sir 28,2: »Vergib das Un­recht deinem Nächsten!« Auch Jesus wird nicht müde, dies von seinen üngern zu fordern (Mt 5,23f; 6,12.14f; 18,21f.23-35). Er praktiziert es selbst, am stärksten in seiner Passion (Lk 23,34), spricht Vergebung auch anderen zu (Mk 2,5) und überträgt seinen Jüngern sogar die Vollmacht da­zu (Joh 20,23). Vergebung steht im Zentrum der Botschaft Jesu.

Die Stelle in Mt 18,22 gibt die Auflösung zur Frage am Anfang dieses Ka­ tels bei der Behandlung von Gen 4: Das siebenundsiebzigmalige Vergekorrespondiert durch die gleiche Zahl mit jenem Text und hebt diese unheilvolle Dynamik auf. Unaufhörlich zu vergeben setzt den Spiralen (der Gewalt ein Ende.

Mit dem letzten Text ist der Bogen geschlossen. Der in Gen 4 einsetzen­de Weg endet nicht in der gegenseitigen Vernichtung aller. Zwar bleiben bis ins Neue Testament hinein vergeltendes Verhalten und großmütiges Verzeihen nebeneinander bestehen (z.B. Apg 7,60); das unterstreicht, daß Rache und Vergeltung keine in der Vergangenheit überwundenen Stufen darstellen, sondern als aktuelle Versuchungen andauern bis in unsere Gegenwart.

Doch ist auch ein Weg zu Verständigung, Liebe und Vergebung gewiesen, auf dem viele schon im Alten Testament Grenzen der Feindschaft über­schritten haben. Mit diesem Weg bietet die Bibel einen der kostbarsten Schätze der Menschheit, der für deren Zukunft ganz entscheidend sein wird.

Der Glaube an den universalen, selber vergebenden Gott ist dabei der tra­gende Grund. Er trägt die Geschwisterlichkeit aller Menschen, die Liebe zu allen, das Verzeihen erlittenen Unrechts und auch die Heilung eigener innerer Unversöhntheit.


 

Neues Testament

Knut Backhaus

1. Sühne und Versöhnung sind urmenschliche Themen, und gerade darum stehen sie im Alten Testament. Weil Sühne und Versöhnung urmenschliche Themen sind, mußten sie zu einer Brücke zwischen den Testamenten wer­den. Es gilt die Brücke zu beschreiten, und dieser gesamtbiblische Band ver­sucht es. Wo Menschen nach unverstellter Gemeinschaft mit ihrem Gott fragen und nach dem äußeren und inneren Frieden der Völker, Gruppen, Individuen, da geht es um das Gelingen des Experiments Glauben. Dieses Experiment ist in der Tat zu lebenswichtig, als daß Altes und Neues Testa­ment >>gegeneinander auszuspielen oder gar in gegenseitiger Konkurrenz abzuwerten« wären (S. 121 ). Nicht die Erstplazierung eines Buches oder ei­ner Fachdisziplin in einer Hitparade der Eitelkeiten und Selbstentäußerun­gen ist zu entscheiden, sondern die Frage, wie versöhntes Leben möglich wird im Licht der biblischen Offenbarung. Wie oft haben Christen die son­derbare Meinung gehegt, der Gott Israels sei erst sehr spät - nach 72 Büchern über Zorn und Vergeltung - auf den Gedanken versöhnender Lie­be gekommen (»Das Gesetz der Furcht muß weichen, da der neue Bund be­gann« heißt es noch immer in einem Gotteslob-Lied). Es ist ehrlicher, das Alte Testament aus dem Kanon zu streichen, als es zu lesen, ohne Gottes Sein, Macht und Liebe darin zu suchen. Und umgekehrt: Ein klares Be­kenntnis zu Jesus Christus dünkt heute nicht selten christlichen Theologen als verdächtiges Symptom eines latenten Antijudaismus. Wo aber Jesus Christus vom Gott Israels getrennt, aus der Mitte seines Seins, seiner Macht und seiner Liebe verwiesen wird, da wird er selbst und mit ihm der christ­liche Glaube entbehrlich. Es ist ehrlicher, sich gar nicht zu Jesus Christus zu bekennen als dies verschämt zu tun. Altes und Neues Testament mögen verschiedene Ufer sein, aber der Glaubensweg braucht die Brücke. Der Platz auf der Brücke ist nicht immer bequem, aber er bietet eine gute Per­spektive.

2. Das Neue Testament vermag niemandem eine Antwort zu geben, der nicht am Alten Testament das Fragen gelernt hat. Die neutestamentlichen Schriftsteller haben ihre Wahrnehmungsfähigkeit für das Versöhnungs­thema im Umgang mit ihrer Bibel geschärft. Der cantus firmus des Neuen Testaments lautet: Jesus Christus ist Gottes Antwort auf die Frage, die wir Menschen uns selber sind. Aber hörbar wird dieser cantus nur in der bibli­schen Gesamtkomposition. Die neutestamentliche Literatur ist in wenigen Jahrzehnten entstanden, und dies in Gemeinden aus einer Handvoll Ur­christen, die ikren Standort in der großen Begegnungsgeschichte zwischen dem einen Gott und seinem Volk erst noch finden mußten. Wer dieser ent­gegenkommende Gott ist, wie sehr wir Menschen ihn brauchen, wie Sühne faßbar und Versöhnung konkret wird - all dies mußten die Urchristen nicht aufs neue ersinnen. Sie konnten aus dem Erfahrungsschatz von einem Jahr­tausend Glaubensleidenschaft eines Volkes schöpfen, das Krieg und Frie­den, Geschwisterliebe und Bruderhaß, entzweite und geeinte Existenz dra­matisch durchlebt hatte. Und all dies hatte Israel in seinen Schriften den künftigen Generationen (zu denen die Urchristen sich wie selbstverständ­lich zählten) aufbewahrt - Schriften, die so treu und widerspenstig, be­drückt und ungestüm waren wie dieses Volk selbst.

3. Der Christ darf den Satz auch umkehren (denn er liest ja doch in beide Richtungen): Das Alte Testament vermag gerade dem eine Antwort zu ge­ben, der am Neuen Testament das Fragen gelernt hat. Die Rede von Jesus Christus dem Versöhner wäre ohne den Horizont der jüdisch-urchristli­chen Bibel ein Gemeinplatz. Der AT-Teil-Teil dieses Gemeinschaftsbandes führt es plastisch vor Augen, worauf auch der Urchrist gestoßen sein dürfte, wenn er von seinem Christus-Bekenntnis her nach Sühne und Versöhnung zurückfragte: Wie jene Unheilsstrukturen wirken, die das Neue Testament voraussetzt, erschließt sich für ihn nicht in einer abstrakten Anthropologie, sondern bei der Lektüre oder bein Hören der Urgeschichte. Was es bedeu­tet, »mit den Tieren zu leben«, das kann sich gar im Umgang mit dem Rind oder Esel des Feindes zeigen. Wie befreiend der Vater Jesu Christi wirkt, wird nicht im dogmatischen Traktat erfahren, sondern beim lesenden/ hörenden Einstieg in die Wanderung des Exodus-Volkes.

Ohne die Opfer-Theologie von Tora und Propheten wäre das Neue Testament sprachlos ge­blieben, als es darum ging, Jesu heilende Proexistenz einsichtig werden zu lassen. Wie Gottes Freunde großzügig und erbärmlich handeln, das erlebt der Urchrist hautnah mit, wo vom »Modell David« erzählt wird-und auch, wie man im Gebet Zuflucht findet und bei einem Gott Gnade, der (und wenn es noch so anders scheint) nur großzügig handelt, niemals erbärmlich. Vergleicht man die ganze Breite alttestamentlicher Aussagen zu Sühne und Versöhnung, so ist das Spektrum jener Texte, die im Neuen Testament aus­ drücklich aufgegriffen und christologisch ausgearbeitet werden, relativ schmal: der Große Versöhnungstag (Lev 16), der leidende Gottesknecht (Jes 53). Hinzu kommen die zahlreichen Bilder, Motive, Assoziationen, die eher blitzlichtartig neutestamentliche Texte erhellen. Prägend ist am Ende das, was gar nicht zitiert wird, weil es den Urchristen in Fleisch und Blut über­gegangen war (daher oft so selbstverständlich wirkt und es doch am aller­wenigsten ist): der Erdgeruch des Heils und die himmelstürmende Kraft der Hoffnung auf den Gott Israels.

4. Die theologische Leistung des Urchristentums, so hatten wir gesehen, liegt darin, daß es die alttestamentlichen Grunderfahrungen von der Mitte her mit der christlichen Urerfahrung verbindet: der leibhaftigen Offenba­rung des versöhnenden Gottes in der Person Jesus Christus. So bietet das Alte Testament die Vielfalt. Das Neue Testament bietet den geometrischen Punkt, in dem all die Linien einer jahrtausendalten Gotteserfahrung zu­sammenlaufen. In dieser Konzentration von Sühne und Versöhnung auf Gottes menschliche Selbstmitteilung in Jesus Christus liegt in der Tat das >>Besondere des Neuen Testaments<< - seine einzige Besonderheit und jene, mit der es steht und fällt. Das Christus-Bekenntnis radikalisiert den Erdge­ruch des Heils und die himmelstürmende Hoffnung. An Jesus Christus den Versöhner zu glauben heißt die uralte (und wieder und wieder inkarnatori­sche!) Begegnungs- und Versöhnungsgeschichte zwischen dem lebendigen Gott und seinem Volk in personaler Konkretion und universaler Weite an ihr Sinnende zu führen. An Christus glauben heißt sehen, daß das Alte Testament, diese 72 Bücher voller Hoffnung, ein noch tieferes Recht hat, als es je zu hoffen wagte.