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Von der Kunst, mich zu lieben
Eine Auslegung des biblischen Hauptgebotes
Rev. Fischer, Georg SJ / Prof. Knut Backhaus
Austria
Kunst
Kunst erfüllt die Schöpfung, weit mehr als uns bewußt ist.
Wir als Menschen nehmen teil an dieser wunderbaren Schöpfung, und d.h.: Unser Leben ist nicht weniger
kunstvoll!
Noch aber halten einige diesen Aspekt der Kunst wach:
Diese Verantwortung, den künstlerischen Aspekt des Menschseins wachzuhalten, tragen nicht nur Handwerker und Künstler, sondern, wie ich hoffe, auch Theologen, und alle Glaubenden. Wie könnte jemand jemals vom höchsten Künstler - von Gott, mit seinem wunderbaren Werk der Schöpfung - recht reden, ohne selber sensibel für Kunst zu sein?
Unter den vielen Künsten gibt es freilich eine, die über das Gelingen unseres Lebens
entscheidet, nämlich unsere Fähigkeit zu "lieben".
Lieben
Lieben ist ein Grundwort, letztlich nicht erklärbar mit Definitionen. Was Menschen damit meinen, kann
führen
Von Selbstliebe zu sprechen, begegnet leicht dem Vorwurf des Egoismus, der abwertenden Beurteilung,
sich gegenüber anderen zu bevorzugen. Gerade in christlichen Kreisen wird Selbstliebe oft geächtet,
und daraus ergeben sich enorme Schwierigkeiten. Aus vielen Gesprächen weiß ich um Fälle, wo wirklich liebende
Menschen sich selber kaum etwas zu gönnen wagen, weil Angst, Zweifel, Unsicherheit sie bewegen, ob das wohl
auch richtig sei.
Angesichts dieser konstanten - und weit verbreiteten - Probleme mit einer rechten Selbstliebe gilt es, diese Frage einmal nüchtern, unvoreingenommen zu betrachten. Dafür ist es wichtig, einen objektiven, neutralen Standpunkt außerhalb unserer selbst einzunehmen, der nicht von unseren eigenen Interessen geleitet und beeinflußt ist. Einen solchen bietet uns, neben anderem, auch die Literatur, darunter an erster Stelle die Bibel, Gottes Wort. Sie vermag wichtige Impulse zu geben, und sie ist frei von Parteilichkeit zu unseren Gunsten, weil sie lange vor uns entstanden ist.
Gerade für unser Thema der Liebe zu sich selbst enthält sie eine große Hilfe, in einem bekannten Text, dem
sogenannten `Hauptgebot'. Es lautet (Markus 12,28-31):
Klar sind zwei Aufforderungen zum Lieben erkennbar, die erste auf Gott gerichtet, die zweite auf die
Mitmenschen und ebenso auf sich selbst: "... wie dich selbst!"
Wenn Jesus in diesem doppelten Hauptgebot der Liebe knapp den Kern der ganzen Heiligen Schrift zusammenfaßt,
stützt er sich dabei auf das Alte Testament, das er gleich zweimal zitiert (Deuteronomium 6 und Leviticus 19).
Altes und Neues Testament befinden sich dabei in Übereinstimmung und bezeugen gemeinsam eine Ausrichtung, die
zuerst Gott und dann gleichermaßen anderen wie uns selber gilt. In vollem Einklang mit der seit den Anfängen
göttlichen Offenbarens entstehenden biblischen Botschaft befreit uns Jesus für immer und unaufhebbar von
allen Ängsten oder Zweifeln, daß wir uns nicht auch selbst lieben dürften. Wer aber ist dieses Ich, dem unsere
Zuneigung ebenso zuteil werden darf?
Das `Ich'
Philosophie, Humanwissenschaften und Medizin bemühen sich seit Jahrhunderten darum zu erkennen, was den
Menschen, sein Ich ausmacht. Bei all den vielen Untersuchungen und Überlegungen, trotz DNA-Analysen,
Gen-Tests, unzähligen Forschungen, Identitätserkennung über Stimm- oder Gesichtserfassung ...
bleibt der Mensch ein Rätsel.
Diese Frage verschärft sich noch viel mehr angesichts so mancher Abgründe:
Hier bricht auf, was in jedem Menschen auch angelegt ist, nämlich ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Ebenen. Wir sind gewohnt, daß alles wie selbstverständlich, ohne Probleme funktioniert; Störungen gelten als Ausnahmen. Doch das Wunder liegt eher umgekehrt im `Normalen': Diese unglaublich komplizierten ineinander greifenden Prozesse, die einfachste Handlungen wie das Bewegen eines Fingers ermöglichen, übersteigen immer noch unser Begreifen.
Der Mensch, und auch jedes Ich, ist ein bleibendes Rätsel und Geheimnis, niemals aufzulösen in Systeme, Strukturen, gesellschaftliche Experimente, intellektuelle Konzeptionen.
Wir dürfen jedoch nicht bei diesem Ergebnis stehenbleiben und aufgeben. Es stellt nämlich nur eine Seite dar. Die andere Seite liegt in der Fähigkeit und sogar der Verpflichtung zur Selbsterkenntnis, die trotz einer bleibenden Rätselhaftigkeit bestehen bleibt. Ein Mindestmaß an Erkennen des eigenen Ich ist nämlich Grundlage und Voraussetzung dessen, daß wir überhaupt konkret, d.h. den realen Verhältnissen angemessen, lieben können. Wenigstens etwas über uns selbst zu wissen, hilft, daß wir einerseits unsere Kräfte gut einsetzen können und daß wir uns anderseits nicht dauernd überfordern.
Zu jedem Ich gehört, in aller Kürze (und unvollständig) angedeutet,
Die Suche nach dem, was unser Ich ausmacht, hat zwei Resultate ergeben:
Zum einen gehört zu jedem Menschsein eine ungeheure Weite und Vielfalt. Alle diese Aspekte realistisch wahrzunehmen und einzuschätzen bildet die Basis, sich und andere wirklich lieben zu können. Sich mit seinen Eigenheiten gut zu kennen ist grundlegende Voraussetzung dafür.
Zum anderen sticht eine dreifache Wiederholung hervor: "Ursprung in Liebe, Wachsen in Liebe, Leben in
Liebe" – bei all den mit diesem Wort verbundenen Einschränkungen und Mischformen - kennzeichnen in der
Regel menschliche Existenz. Das bedeutet, daß jedes Ich sich vielfach zuvor geliebt findet, bevor es selber
bewußt zu lieben beginnt. Es gibt einen Text in der Bibel, der solche zuvorkommende Annahme durch Gott ausdrückt
(Jeremia 31,3):
"Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt."
Angeredet ist hier im Bild einer Frau die Gemeinschaft. Diesen Menschen gilt seit allem Anfang und auf Dauer (`ewig') Gottes herzliche und intensive Zuneigung. Die Wiederholung der Wurzel `Liebe, geliebt' unterstreicht ganz stark diese göttliche Zuwendung. Die Zusage Gottes gilt aber nicht nur den Gläubigen damals, sondern bleibend allen Menschen, die sie annehmen und sich auf ihn einlassen wollen.
Jedes Ich, lange bevor es selbst etwas zu unternehmen anfängt, ist also getragen von dieser doppelten Liebe,
der Gottes und anderer Menschen. Und jedes Ich ist gerufen,
sich anstecken zu lassen von solcher Liebe,
von anderen diese Kunst zu lernen,
diese Kraft auch in sich zuzulassen
und sie anderen wieder weiterzuschenken.
Die jedem menschlichen Leben von Anfang an mitgegebene Liebe ist wie eine Initialzündung, die das Ich entflammen
soll zu ähnlicher Hingabe.
Die Stellung zu mir selbst
Ob ein solches Entzündetwerden in Liebe bei einem Menschen erfolgt, hängt an vielen, oft kleinen Schritten, die aber insgesamt alle auf die eine Frage zielen: Mag ich mich?
Mag ich mich? Kann ich mich annehmen, wenigstens grundsätzlich oder weitgehend, so, wie ich bin, mit all den oben gesehenen vielfältigen Facetten, mit Schwächen und Stärken, bis hin zu dunklen Seiten?, - die Antwort auf diese Frage bestimmt ganz wesentlich auch über unser Vermögen, anderen liebend zu begegnen.
Die Einstellung zu uns selbst ist ein Schlüssel für das Gelingen unseres Lebens. An ihr hängt auch ganz
wesentlich, ob wir zufrieden werden. Meist gibt es hier, ebenso wie bei der Liebe, Mischungen von Annahme und
Ablehnung, mit wechselnden Anteilen je nach Stimmungen und Erlebnissen. Ich möchte im Folgenden einige Faktoren
ansprechen, die großen Einfluß auf unsere Stellung zu uns ausüben:
Sich zu mögen hängt wesentlich an diesem vertrauenden Wagnis eines grundsätzlichen Ja.
Und das zweite, das Verzeihen auch uns selber gegenüber, übertrifft den Humor noch in der befreienden Wirkung, weil es viel tiefer geht. Liebe zu sich selbst erfordert, gegenüber schädlichen Einflüssen aus der Vergangenheit Schlußstriche zu ziehen, dabei auf Abstand zu gehen.
An diesen Faktoren, die alle auch über die Einstellung zu uns selbst und darüber, ob wir uns mögen, mit bestimmen, ist bereits deutlich geworden, daß vielfach Unterscheidung und Balance gefordert sind. Das liebende Umgehen mit sich selbst stellt sich so wahrlich als eine Kunst dar, die ein feines Ausgleichen und Abstimmen beinhaltet.
Auch bei diesem Schritt, der Einstellung zu uns, mag uns ein Wort der Schrift hilfreich sein (Kohelet 9,7):
Vor dieser Feststellung ging es darum, daß der Mensch in Freude und Frohmut essen und trinken soll. Der tiefste Grund für solche Lebensbejahung liegt darin, daß Gott schon zuvor uns angenommen hat (`Wohlgefallen'). Dieses biblische Wort kann allen Ermutigung sein, die an sich zweifeln und die sich mit einem Ja zu sich schwertun. Wenn Gott bereits längst Freude an uns hat, wie sollten wir da ängstlich oder ablehnend durchs Leben gehen?
"Kenne ich mich?" und "Mag ich mich?", diese beiden Fragen bilden zusammen ein feines und hoch sensibles Regelungssystem, das auf weite Strecken unser Denken und Handeln beeinflußt. Gemeinsam bereiten Erkenntnis und Einstellung uns dafür, daß wir wirklich lieben können.
Bevor wir uns dem zuwenden, wie solche Liebe zum Ich sich konkret vollziehen kann, gilt es, diesen Weg der Selbstliebe gegen mögliche Mißverständnisse abzusichern. Bereits zuvor, oben bei der Behandlung von `lieben', haben wir gesehen, daß die Liebe zu sich selbst im Rahmen und in Verbindung mit der Liebe zu Gott und den Nächsten zu sehen ist.
Will jemand sich lieben, so führt der Weg dazu - unausweichlich! - auch über unsere Nächsten. Sprüche wie "Geteilte Freude ist doppelte Freude" machen deutlich, daß im scheinbaren Verlust des Weggebens an andere eine noch größere Bereicherung zu uns zurückkommt.
Dieses im letzten, trotz allen Erkennens, rätselhaft bleibende menschliche Ich kann lieben, und sogar in hohem Maße. Es vermag über und aus sich hinauszugehen, seine ganze Kraft anderen zuzuwenden, und es bedarf dessen auch, damit es nicht, Gefangener seiner selbst, in sich stecken bleibt.
Wie steht es um die religiöse Dimension, die Liebe zu Gott? Dies wäre ein eigenes, abendfüllendes Thema. Nur soviel: Die prinzipielle Offenheit des Menschen, die Relativität alles Irdischen und vieles andere lassen begründet annehmen, daß Welt und Menschsein über sich hinaus auf Absolutes, Unendliches verweisen.
Diese verborgenen, tieferen Dimensionen werden sichtbar
in Werten wie Wahrheit, Ehrlichkeit, Schönheit,
in Erfahrungen wie Staunen, Sehnen nach Ewigkeit,
in Fragen nach dem Sein überhaupt oder nach Sinn.
Unsere Welt ist innerlich auf eine Beziehung zu außerhalb ihrer Stehendem, `Höchstem', oder, wie es in vielen Traditionen genannt wird, zu Gott, angewiesen. Ohne diese Beziehung ist alles und auch jedes Ich im letzten haltlos, leer und verkümmert.
So stehen wir vor dem Ergebnis, daß Menschsein fundamental durch seine Beziehungen zu Gott und der Gemeinschaft geprägt ist, ja, daß es ohne sie gar nicht angemessen zu begreifen ist. Der Weg der Liebe zu sich selbst, will er diese eigene Prägung ernst nehmen, führt also direkt dazu, auch Gott und die anderen zu lieben. Das biblische Hauptgebot ist so gesehen völlig logisch und natürlich, insofern es dem innersten Wesen des Menschen entspricht. Das Doppelgebot, Gott zu lieben und den Nächsten wie mich selbst, vereint alle drei grundlegenden Dimensionen des Menschseins und jedes Ich. Gott, Gemeinschaft und Ich gehören untrennbar zusammen und hängen aneinander.
Aber speziell als Theologe möchte ich betonen, daß gerade vom Glauben her die Liebe zu sich selbst
geboten ist. Die Beziehung zu Gott fordert eine bejahende Annahme unserer selbst! Zugleich hoffe ich, daß mit
der gerade erfolgten Klärung der mögliche Vorwurf einer einseitigen, nur auf das Ich ausgerichteten Betrachtung
entkräftet ist. Somit können wir uns nun dem widmen, wo die Kunst des Liebens ihre höchste Prüfung findet: in ihrer
Verwirklichung im Alltag.
Lieben konkret: Balancen
Mich zu lieben ist wahrlich eine Kunst. Wir haben bisher einige Voraussetzungen gesehen: Es ist wichtig, mich
selber gut zu kennen, bei aller bleibenden Rätselhaftigkeit.
Ganz entscheidend ist weiters die Einstellung: Sich zu mögen, in der Tiefe einer grundlegenden Annahme, trägt alle
folgenden Vollzüge der Liebe, und es fordert oft kluge Unterscheidung.
Nun aber geht es darum, wie diese Liebe zu mir konkret werden kann. Welche kleinen, praktizierbaren Schritte kann, darf und soll ich setzen? In meiner Erfahrung bilden Balancen einen Schlüssel dazu, angesichts der vielen Einflüsse, Beanspruchungen und Gefährdungen heute wieder zur Liebe zurückzufinden. Zur Verdeutlichung möchte ich zwei Vergleiche dazu bringen:
Wie im Sport, wo nach Anstrengungen die betreffenden Muskeln wieder entspannt und gedehnt werden sollen, oder wie im Spiel, wo es Gewinnen und Verlieren, Auf und Ab gibt, so auch im Leben und in der Liebe: Ausgleich, Achten auf das Gegenteil gibt uns das entschwundene Gleichgewicht zurück.
Der Gründer unseres Ordens, der Gesellschaft Jesu, der heilige Ignatius von Loyola, faßte diesen Zusammenhang in seinen berühmten Spruch "agere contra", auf deutsch `dagegen handeln', d.h. nicht nur den eigenen natürlichen Neigungen folgen, sondern verstärkt Aufmerksamkeit dem zu widmen, was schwerer fällt oder zu kurz kommt. Schauen wir uns an, worin eine solche Kunst der Selbstliebe bestehen kann:
– In einer Welt des "immer schneller" schenken wir uns mit Ruhe, Meditation, Langsamkeit das notwendige Bremsmoment, und damit eine Form der Liebe. Für jedes Formel-1-Rennauto sind scharf zugreifende Bremsen mindestens genauso wichtig wie der PS-starke Motor, sonst wird es aus der Kurve getragen - manche Menschen aber glauben, mit dem Ausreizen ihrer Leistungsfähigkeit ans Ziel zu kommen. – Fünf Minuten in Stille in einer Kirche zu sitzen, kann dabei für solche Menschen Wunder wirken.
– Wer ein extremes Sicherheitsbedürfnis hat, kann sich damit lieben, daß er zu wagen beginnt und gelegentlich Risiken eingeht. Dazu gehört auch, anderen Vertrauen zu schenken. Der Käfig der Absicherungen macht unfrei, ist wie ein Gefängnis um unser Ich. Er verhindert, daß wir durch mutigen Einsatz den wahren Wert unseres Lebens erfahren können. – Es muß nicht gleich Drachenfliegen, Brückenspringen oder Canyoning sein; doch ein wenig von Faszination und Abenteuer gehört mit zum Leben, und die Jugend weiß darum.
– Wer sein Leben mit Arbeit und Aufgaben anfüllt, für den können Lockerungsübungen und Phasen des Entspannens ein Zeichen der Liebe zu sich werden, das die einseitige Ausrichtung auf nur einen Aspekt an uns ausbalanciert. – Yoga oder Musikhören können dafür eine guten Ausgleich bieten.
– Hier im "Ländle" hat das Sparen einen hohen Wert. Wenn sich alles aber nur daran orientiert, sind wir in Gefahr, kleinlich und eng zu werden. Zum Sparen bedarf es notwendig auch des "Aus-Sparens" von Bereichen und Situationen, wo wir der Großzügigkeit und Weite Raum lassen, sonst verfallen wir leeren Automatismen. Mich lieben bedeutet, das Sparen sich nicht auf alles ausdehnen zu lassen, sondern diesem dauernden Rechnen Grenzen zu setzen. – Für jeden `Sparmeister' ist innerlich heilsam, wenn er gelegentlich andere einlädt oder etwas verschenkt.
– Wenn ich gewohnt bin, anderen Aufträge zu erteilen, dann gehört zur Liebe zu mir, öfter auch dienende Rollen einzunehmen. Wer nämlich immer nur anderen befiehlt, wird am Ende sich selber als einzigen Untertanen haben. – Welche Bereicherung ist es für einen Chef, die Welt einmal aus der Perspektive einer Tellerwäscherin oder eines arbeitslosen Stellensuchenden wahrzunehmen! Er wird ganz neu seinen Betrieb und sein Tun sehen lernen!
– Wessen höchstes Ideal Perfektion ist, dem tut die Erfahrung von `Chaos' gelegentlich gut. Sonst neigt er dazu, sich und anderen ständig Zwänge aufzuerlegen. Liebe zu sich selbst zeigt sich in diesem Fall darin, auch manches Unvollkommene sein zu lassen, oder nicht immer so aufzuräumen, daß Gäste sich schon beim Eintreten unwohl fühlen, weil sie den Eindruck haben, eine heilige Ordnung zu stören. – Hier kann das spielerisch-kindliche Verhalten unserer Kleinen uns Vorbild sein, wie es Heinrich Spaemann auch in seinem Buch "Orientierung am Kind" aufzeigt.
– Mich lieben heißt ebenso, eine Balance zwischen Bequemlichkeit und Herausforderung zu halten. Wer sich nie ein kaltes Nach-Duschen gönnt, versagt sich die wohlige Erfahrung, daß der Körper durch diese Anregung dann selber für längere Zeit größere Wärme produziert. Sich-Schonen führt so zum Sich-Schaden.
Die Liste dieser Beispiele ließe sich lange fortsetzen, und sie alle sind ebenso in der Gegenrichtung zu lesen:
Wer ständig nur bremst, der soll sich einmal dem Beschleunigen öffnen.
Wer meist anderen zu Diensten ist, darf ohne schlechtes Gewissen auch selbst eigene Wege gehen oder auf seinem Recht bestehen.
Wessen Wohnung ständig chaotisch aussieht, dem tut gelegentliches Aufräumen gut, usw.
Der entscheidende Punkt in dem allem ist, daß unser Ich im Laufe der Zeit sich tendenziell in einseitigen oder falschen Haltungen verfestigt und damit überhaupt in seiner Fähigkeit zur Liebe eingeschränkt wird. Nur das Bemühen, in der oben angedeuteten Weise ausgleichend solche Verhärtungen und Unfreiheiten auszubalancieren, vermag uns davor zu bewahren, daß, was einmal Liebe war, zu starren Schemata verkommt.
Diese Wahrheit steht auch hinter einem anderen markanten Ausspruch Jesu:
"Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und des Evangeliums
willen, wird es gewinnen." (Markus 8,35)
Diese Aussagen Jesu gelten zunächst in ihrer religiösen Bedeutung, haben aber auch eine allgemein menschliche Dimension: Das Sich-Festklammern am eigenen Leben oder an bestimmten Elementen darin ist der sicherste Weg, sie alle zu verlieren!
In dieser großen Herausforderung unseres Lebens, der Kunst, auch uns selber zu lieben, stehen wir nicht allein. Große Unterstützung erhalten wir dabei durch andere, die uns auf Wichtiges aufmerksam machen, dazu anregen und darin begleiten. Sie helfen uns, das Wagnis der Preisgabe des Alten, Vertrauten und scheinbar so Sicheren einzugehen und neu, vertieft, unser wahres Ich zu entdecken und zu lieben.
In dieselbe Richtung geht das ständige Angebot und die unverzichtbare Aufgabe des Glaubens, in seiner
Ausfaltung in verschiedenen Bekenntnissen. Auch sie wollen uns frei machen von einem uns unterjochenden
Zerrbild des Selbst und uns öffnen für unser echtes Ich, eine geliebte, liebende und liebenswerte Person.
Darin liegt mit die bleibende Funktion der Religionen.
Früchte
Wir können nun die Ergebnisse des Gesehenen als Früchte zusammentragen. Zuvor noch eine Vorbemerkung: Alles, was wir bisher vom `Ich' gesprochen haben, läßt sich auch kollektiv verstehen, d.h. auf Gruppen und Gemeinschaften übertragen. Für sie gilt genauso dieser kunstvolle Weg der Selbstliebe, in Balancen und in der doppelten Ausrichtung auf Gott und andere.
Betrachten wir jetzt den bisher beschrittenen Weg:
Wir haben angefangen damit, daß Kunst die Schöpfung erfüllt. Unsere Welt und ebenso unser Alltag ist weit mehr kreativ, schöpferisch als wir üblicherweise wahrnehmen, und auch wir Menschen sind gerufen, der Kunst einen angemessenen Platz zu geben. Sie verleiht unserem Dasein die ihm eigentlich zukommende Leichtigkeit.
Die wichtigste Kunst besteht im lieben, jener grundlegenden Annahme, die sich in drei Richtungen entfaltet: zu Gott, den anderen Menschen und gleichermaßen zu mir; gerade letzteres, die Liebe zu mir, ist nicht nur erlaubt, sondern auch geboten, als Auftrag Jesu, der darin das Wesen der biblischen Botschaft zusammenfaßt. Eine gesunde, ausgewogene Selbstliebe ist berechtigt und sogar notwendig.
Voraussetzungen für jedes Lieben ist freilich eine rechte Wahrnehmung vom eigenen Ich. Auch wenn die menschliche Person im letzten Geheimnis und Rätsel bleibt, läßt sich doch vieles daran erkennen, was eine ausreichende Basis für reflektierte Vollzüge bildet. Bevor ein Mensch überhaupt selber zu lieben beginnen kann, ist er bereits von allem Anfang an mit der Liebe Gottes und anderer beschenkt.
Als so geliebte Person vermag jemand auch zu sich Stellung zu beziehen. Diese Einstellung zu sich entscheidet weitgehend über das Gelingen des Lebens und auch über unsere Zufriedenheit; wesentlich dafür sind Erwartungen und Ansprüche, Maß der Selbstkontrolle, ob wir einer bejahenden Annahme den Vorzug geben können sowie die Fähigkeit zur Distanz. All dies kann helfen, daß wir uns mögen.
Die Kunst, mich zu lieben, zeigt sich dann konkret in Balancen: Wer sich Gutes tun will, wagt, Einseitigkeiten, eingeschlichene Verfestigungen und andere Erstarrungen anzusehen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dies gibt neu Leben zurück und öffnet auch wieder für andere, in Vertrauen und Hingabe.
Ein solches liebendes Ringen mit sich trägt reiche Früchte:
– In den auch in sich selbst erfahrenen Kämpfen und Schmerzen wächst eine Solidarität mit anderen, eine Verbundenheit mit der ganzen leidenden Menschheit. Sie hält auch über die Zeiten hinweg an, in Wertschätzung derer, die vor uns gewesen sind, und in Verantwortung gegenüber den noch Kommenden.
– Gerade die Offenheit für den Aspekt der Kunst im eigenen Leben schenkt einen tiefen neuen Zugang zur Schöpfung und Harmonie mit ihr. Freude an der Natur und an allen Dimensionen des Menschseins sowie Empfindung für Schönheit und Wert begleiten liebende Menschen.
– Schließlich, zuletzt, und grundlegend alles umfangend: Die Liebe verbindet uns in großer
Nähe zu Gott, dem alles in Liebe tragenden Ursprung. Im Lieben werden wir ihm ähnlich, und ebenso vereint
`Kunst' uns mit ihm, dem höchsten und größten Künstler.
Impulse zu einem befreiten Leben
Entdeckungen mit biblischen Texten (Workshop Montafoner Gespräche 28.9.2)
In Fortsetzung zum Vortrag "Von der Kunst, mich zu lieben" geht es um Vertiefung, Ausweitung und
Aneignung dieses Themas in bezug auf die je persönliche Lebenssituation. Anregungen dazu sollen in drei
Richtungen erfolgen: methodisch, inhaltlich und als mögliche Lesevorschläge für später.
1) Verstehend lesen
Die äußerst verdichtete Sprache der Bibel bedarf einer entsprechenden Auflösung in einem langsamen, mehrphasigen Prozeß. Dabei mögen die wiederholten Aufforderungen zum Hören (Dtn 4,1; 5,1; 6,3f ...) als Anstoß in dieser Richtung gedeutet werden.
Einige hilfreiche Schritte: (am Beispiel von Mk 12,28-34)
a) Situierung und Umgebung des Textes
b) Aufbau und Bewegung: Schemata, Wiederholungen, Dynamik
c) Gestaltung: Feinheiten, Besonderes
d) Aussage: Welche Werte, Überzeugungen, Botschaften will der Text vermitteln?
(Lit.: G.Fischer, Wege in die Bibel, Stuttgart: KBW 2000)
Aufnehmend-aufmerkendes Hören als heilsam erfahren, darin Neues entdecken und spüren, wie das eigene Ich sich
öffnet, auch für andere
2) Impulse der Befreiung
Je nach Anliegen und Interessen der Teilnehmenden sollen für die persönliche Lektüre ansprechende, geeignete
Bibelstellen ausgewählt werden. Auf die
3) Einige schöne Texte
Erzählungen der Genesis, Berufung des Mose (Ex 3f), die Gemeinderegel (Lev 19), die Geistverteilung (Num 11), die Ermahnungen Moses (Dtn 6-11); Josuas Abschiedsrede (Jos 24); die Berufung der Eltern Simsons (Ri 13); Rut; Hannas Beten und Samuel (1 Sam 1-3); viele Psalmen (1, 8, 15f, 19, 23, 42f, 63 ...); bei den Propheten Jesaja 11; 35; 40; 43; 53-55; 61; Jeremia 30f; Ezechiel 37; 47; Hosea 11; Joel 3; Jona, und viele andere mehr.